Ein Windows 11, modular aufgebaut, bei dem jede Zusatzfunktion installierbar und wieder entfernbar ist: Das fordere ich seit Januar. Jetzt liefert Microsofts Designchef die Begründung, warum es angeblich so schwer ist, es allen recht zu machen. Diego Baca, Vice President of Design bei Windows, schrieb auf X, ein Betriebssystem für mehr als eine Milliarde Menschen zu gestalten sei eine der größten Herausforderungen: „Everyone has different preferences and workflows.” Windows Latest machte daraus die Schlagzeile, Windows 11 könne nicht alle Nutzer zufriedenstellen.
Ich halte das für eine Ausrede. Und zwar für eine, die Microsoft mit dem eigenen Produkt widerlegt.
Fairerweise vorweg: Der Satz „geht nicht” stammt in dieser Schärfe aus der Überschrift, nicht aus Bacas Mund. Er antwortete einem Nutzer, der sich wünschte, die neue Windows-Suche möge das Startmenü ablösen, und kündigte im selben Beitrag mehr Anpassbarkeit an. Nur ändert das nichts am Kern. Wer unterschiedliche Vorlieben als Problem beschreibt, hat die Lösung schon benannt. Er müsste sie nur bauen.

Unterschiedliche Vorlieben sind ein Argument für Windows Features, nicht dagegen
Wenn eine Milliarde Menschen Verschiedenes wollen, gibt es zwei Wege. Entweder man liefert allen alles und lässt sie hinterher aufräumen. Oder man liefert ein Grundsystem und lässt jeden dazunehmen, was er braucht. Microsoft hat sich für den ersten Weg entschieden und erklärt die Folgen dann zur Naturgewalt.
Dabei existiert der zweite Weg in Windows seit Jahren. Der Dialog „Windows-Features aktivieren oder deaktivieren” schaltet Komponenten wie Hyper-V oder die Sandbox ein und aus. Daneben gibt es die Features on Demand: Funktionspakete, die sich laut Microsofts eigener Dokumentation jederzeit hinzufügen lassen, bei Bedarf über Windows Update nachgeladen und per DISM wieder entfernt werden. Der Mechanismus ist da, dokumentiert und im Einsatz.
Meine Forderung aus dem Beitrag vom Januar bleibt deshalb dieselbe: Jede neue Funktion, jede Ergänzung, jedes Extra muss vollständig über diesen Weg installierbar und deinstallierbar sein. Ohne Ausnahme.
Microsoft beweist selbst, dass es geht – viermal
Recall. Die umstrittenste Funktion der letzten Jahre ist eine optionale Komponente. Auf verwalteten Geräten ist Recall standardmäßig deaktiviert und entfernt, und Microsoft nennt in der Dokumentation selbst den PowerShell-Befehl, mit dem die Binärdateien vom Gerät verschwinden. Was bei Recall geht, geht technisch auch bei Copilot, Widgets und dem Nachrichten-Feed.
Dann Edge. Microsofts Support erklärt, der Browser sei ein wesentlicher Bestandteil des Betriebssystems und lasse sich deshalb nicht deinstallieren. Im Europäischen Wirtschaftsraum lässt er sich seit der Umsetzung des Digital Markets Act deinstallieren, ebenso die Bing-Websuche. Derselbe Browser, dasselbe Windows, nur eine andere Region im Setup. „Wesentlicher Bestandteil” ist also eine Frage der Rechtslage und keine der Technik.
Drittens die vorinstallierten Apps. Seit Version 25H2 können Administratoren ausgewählte Store-Apps per Richtlinie entfernen, allerdings nur unter Windows 11 Enterprise und Education. Wer Pro oder Home einsetzt, geht leer aus. Die Funktion existiert, sie wird nur nach Lizenz zugeteilt.
Und viertens, mein Lieblingsbeispiel: Windows Server. Dort fragt der Setup-Assistent, ob Sie Server Core oder die Variante mit Desktop Experience installieren wollen, und Microsoft empfiehlt ausdrücklich die schlanke Fassung, unter anderem wegen der deutlich kleineren Angriffsfläche. Microsoft baut also längst ein Windows mit Auswahlmenü bei der Installation und rät den eigenen Kunden zur Minimalversion. Nur eben nicht auf dem Client.
Linux macht die Auswahl bei der Installation seit Jahrzehnten vor
Der Vergleich mit Linux ist unbequem, weil er so simpel ist. Der Debian-Installer richtet zuerst ein Basissystem ein und bietet danach vordefinierte Aufgabenpakete an, etwa Desktop-Umgebung, Webserver oder SSH-Server. Man kann jede Vorauswahl abwählen und sogar gar kein Paket installieren; dasselbe Werkzeug lässt sich später jederzeit erneut starten.
Genau das beschreibe ich für Windows: zurück auf ein absolutes Basissystem, im Setup ein Menü mit Zusatzfunktionen und Anwendungen, und alles Weitere später nachinstallierbar. Andere Distributionen legen dafür eigene Oberflächen oder Software-Center obendrauf. Das ist keine Raketenwissenschaft, und es wird von Freiwilligenprojekten gepflegt, nicht von einem der wertvollsten Konzerne der Welt.
Was für Microsofts Sicht spricht
Es gibt Gegenargumente, und sie sind nicht dumm. Jede abwählbare Komponente vervielfacht die Kombinationen, die getestet und gepatcht werden müssen. Abhängigkeiten sind real: DISM verweigert das Entfernen einer Komponente, von der andere Pakete abhängen, und selbst bei Windows Server lässt sich nach der Installation nicht mehr zwischen Core und Desktop Experience wechseln. Viele Anwendungen setzen auf die Web-Plattform, die mit Edge kommt. Und ein Laie, der im Setup zwanzig Häkchen sieht, ist damit nicht glücklicher.
Dazu kommt: Microsoft hat seit März geliefert. Die Taskleiste lässt sich wieder nach oben oder an die Seite schieben, der Empfohlen-Bereich im Startmenü ist ausblendbar, Web-Ergebnisse in der Suche sind abschaltbar.
Nur: Keines dieser Argumente trägt die Behauptung, es ginge nicht. Abhängigkeiten löst jeder Paketmanager seit dreißig Jahren automatisch auf. Die Testmatrix beherrscht Microsoft beim Server und bei den EWR-Varianten bereits. Und für Laien gibt es eine Vorauswahl namens „Standard”. Was übrig bleibt, ist ein Schalter zum Ausblenden hier und einer dort. Ausblenden ist aber nicht Deinstallieren.
Woran es tatsächlich liegt: 100-mal „Agent”, dreimal Windows 11
Wo die Prioritäten liegen, hat Microsoft am 7. Oktober selbst vorgeführt. Beim ersten großen Windows-Event seit zwei Jahren fielen laut einer Zählung von Windows Latest in rund 70 Minuten 100-mal „agent”, „agents” oder „agentic”, 71-mal „models”, 36-mal „Copilot”, 31-mal „AI” und 24-mal „hybrid intelligence”. „Windows 11″ kam dreimal vor. „Fix”, „bug”, „reliability”, „stability” und „feedback”: kein einziges Mal. Zusammengerechnet sind das 262 KI-Begriffe, Windows Latest rundet auf knapp 300.
Im März klang das anders. Windows-Chef Pavan Davuluri versprach, unnötige Copilot-Einstiegspunkte zu reduzieren, und stellte KI in Windows unter das Motto „transparency, choice and control”. Die zugesagte Optimierung für Geräte mit 8 GB Arbeitsspeicher ist nach derselben Auswertung erneut angekündigt, aber nicht ausgeliefert.
Hier liegt meine Bewertung, und ich trenne sie bewusst von den Fakten oben: Ein deinstallierbarer Copilot wäre ein Copilot, den viele deinstallieren. Ein abwählbarer Nachrichten-Feed bringt keine Reichweite. Modularität scheitert bei Microsoft nicht an der Technik, sie kollidiert mit dem Geschäftsmodell. Das ist legitim, aber dann soll man es so sagen und nicht eine Milliarde Nutzer vorschieben.
Was Sie als Admin heute schon tun können
Warten müssen Sie nicht auf alles. Recall entfernen Sie mit Disable-WindowsOptionalFeature -Online -FeatureName "Recall" -Remove. Auf Enterprise- und Education-Geräten ab 25H2 räumen Sie Store-Apps über die Richtlinie „Remove default Microsoft Store packages from the system” ab. Und weil Deutschland zum EWR gehört, lassen sich Edge und die Bing-Websuche regulär deinstallieren. Achten Sie beim Betanken auf die Region: Sie wird im Setup festgelegt und lässt sich für diese Zwecke nur durch Zurücksetzen des Geräts ändern.
Für kleine Verwaltungen mit Pro-Lizenzen bleibt es bei Skripten, die nach jedem Funktionsupdate nachgepflegt werden müssen. Genau diese Arbeit ließe sich mit einer sauberen Feature-Liste ersparen.
Fazit
Baca hat recht damit, dass eine Milliarde Menschen Verschiedenes wollen. Daraus folgt aber das Gegenteil dessen, was Microsoft ausliefert: ein Grundsystem und eine Liste zum Ankreuzen, so wie beim eigenen Server, bei Recall und im EWR. Die Werkzeuge liegen im Produkt. Es fehlt die Entscheidung, sie für alles zu verwenden.
Schreiben Sie das in den Feedback Hub, den Microsoft im März eigens überarbeitet hat, und zwar konkret: jede neue Funktion als Windows-Feature, abwählbar im Setup. Und prüfen Sie diese Woche Ihr Referenzimage darauf, was Sie mit den vier Mechanismen oben heute schon loswerden.
Nicht möglich? Doch. Nicht gewollt.
Quellen:
- Microsoft Windows Insider Blog: Our commitment to Windows quality (20.03.2026),
- Microsoft Windows Insider Blog: DMA-Änderungen im EWR (16.11.2023, aktualisiert 29.02.2024),
- Microsoft Learn: Manage Recall (Stand 10.12.2025),
- Microsoft Learn: Server Core vs Server with Desktop Experience (15.04.2025),
- Microsoft Learn: Features On Demand (2022),
- Microsoft Support: Why can’t I uninstall Microsoft Edge?,
- Microsoft Tech Community: Policy-based removal of pre-installed Microsoft Store apps (Oktober 2025),
- Debian Installation Guide, Abschnitt 6.3.6.2,
- Windows Latest: Microsoft design boss … (11.10.2026),
- Windows Latest: “We didn’t ask for more Microslop” (12.10.2026),
- Grams IT Blog: Warum Microsoft jetzt radikal umdenken muss (04.01.2026)
