Emissions Gap Report 2026: Deutschland heizt weiter und 16.000 Hitzetote

Am 21. Oktober 2026 hat das UN-Umweltprogramm den Emissions Gap Report 2026 veröffentlicht. Der Untertitel lautet „The point of return“, und der erste Satz der Zusammenfassung ist so deutlich, wie UN-Berichte selten sind: Die Chance, die Erwärmung ohne oder mit nur geringem Überschießen auf 1,5 °C zu begrenzen, ist weg. Nicht gefährdet, nicht knapp. Weg.

Ich habe den Bericht gelesen, die Zahlen gegen die Originaltabellen geprüft und mit dem abgeglichen, was in Deutschland in diesem Sommer passiert ist. Denn die zweite Zahl, um die es hier geht, stammt vom Robert Koch-Institut: rund 16.000 hitzebedingte Todesfälle in Deutschland im Sommer 2026. Das ist die höchste Schätzung seit Beginn der Berechnungen, und sie ist noch nicht abgeschlossen.

Dieser Artikel erklärt, was der Bericht sagt, warum die Erwärmung passiert, wie sie sich in Deutschland bereits messbar zeigt, und was die Bundesregierung gleichzeitig tut. Die Fakten stehen vorn. Meine Bewertung kommt später und ist als solche gekennzeichnet.

Was der Emissions Gap Report 2026 wirklich sagt

Der Bericht ist die siebzehnte Ausgabe einer jährlichen Bestandsaufnahme, an der laut UNEP 40 Wissenschaftler aus 25 Institutionen in 18 Ländern mitgearbeitet haben. Er misst die Lücke zwischen dem, was Staaten versprochen haben, und dem, was nötig wäre, um die Temperaturziele des Pariser Abkommens zu halten. Die zentralen Zahlen aus der Zusammenfassung:

Die globalen Treibhausgasemissionen lagen 2025 bei 58,4 Gigatonnen CO₂-Äquivalent, praktisch unverändert gegenüber 2024. Die fossilen CO₂-Emissionen stiegen weiter, der leichte Rückgang kam allein aus geringeren Waldbränden und Landnutzungsemissionen. Von einem Emissionspeak zu sprechen ist laut UNEP „zu früh“.

Werden die aktuellen Politiken fortgeführt, erwärmt sich die Erde bis 2100 mit 66 Prozent Wahrscheinlichkeit auf bis zu 2,8 °C, und die Temperatur steigt danach weiter. Werden alle nationalen Klimapläne (NDCs) vollständig umgesetzt, sind es 2,6 °C. Nur wenn zusätzlich alle Netto-Null-Versprechen eingehalten werden, bleibt die Erwärmung bei etwa 2,1 °C. Diese Werte liegen 0,2 bis 0,3 °C über denen des Vorjahresberichts. Die Hälfte davon geht auf den Austritt der USA aus dem Pariser Abkommen zurück, die andere Hälfte auf nach oben korrigierte historische Emissionsdaten.

Der Bericht definiert dieses Jahr einen neuen Referenzpfad, weil der alte nicht mehr erreichbar ist: das „niedrigste 1,5-°C-Overshoot-Szenario“. Es begrenzt den Erwärmungspeak auf 1,7 bis 1,8 °C um die Jahrhundertmitte und holt die Temperatur bis 2100 mit etwa 50 Prozent Wahrscheinlichkeit wieder auf 1,5 °C zurück. Dafür müssten die globalen Emissionen gegenüber 2025 um 18 Prozent bis 2030, 45 Prozent bis 2035 und 69 Prozent bis 2040 sinken. Die eingereichten NDCs liefern 5 bis 8 Prozent bis 2030 und 11 bis 15 Prozent bis 2035.

Daraus ergibt sich für 2035 eine Lücke von 16 Gigatonnen zwischen den Zusagen und dem Overshoot-Pfad. Zum unteren 2-°C-Pfad sind es 5 Gigatonnen. Und der Bericht enthält einen Satz, den man sich merken sollte: Jede fünf Jahre Verzögerung beim Beginn der Emissionsminderung fügen der Atmosphäre rund 200 Gigatonnen CO₂ hinzu und heben den Erwärmungspeak um etwa 0,1 °C an.

Rückkehr auf 1,5 Grad: nur mit CO₂-Entnahme

Der Begriff „point of return“ ist bewusst gewählt. Ein Überschießen von 1,5 °C lässt sich nach dem Bericht nur rückgängig machen, wenn im Laufe des Jahrhunderts rund 320 Gigatonnen CO₂ aktiv aus der Atmosphäre entfernt und dauerhaft gespeichert werden. UNEP schreibt selbst, die Fähigkeit dazu sei „unsicher“ wegen der sozioökonomischen und technischen Hürden beim Hochskalieren. Mit anderen Worten: Der Rückweg existiert auf dem Papier und hängt an Technologien, die heute im Promillebereich der nötigen Größenordnung arbeiten.

UN-Generalsekretär António Guterres hat das laut UN News so zusammengefasst: „Overshoot is not surrender.“ UNEP-Direktorin Inger Andersen schreibt im Vorwort, jeder zusätzliche Bruchteil eines Grades und jedes zusätzliche Jahr über 1,5 °C erhöhe die Risiken, und nennt als Beispiele die tödlichen Fluten, Hitzewellen und Waldbrände dieses Jahres.

Was mit Kohle, Öl und Gas passieren muss

Der Bericht enthält erstmals konkrete Zwischenziele für fossile Energie, abgeleitet aus dem Overshoot-Pfad (Figure ES.6). Gegenüber 2025 muss die Energieversorgung aus Kohle bis 2035 um mindestens 55 Prozent sinken, aus Öl um 15 Prozent, aus Gas um 5 Prozent. Bis 2040 sind es 75, 30 und 35 Prozent.

Gas hat also einen kurzen Aufschub bis 2035, danach fällt es steil. Wer heute neue Gaskraftwerke mit einer Laufzeit von 30 Jahren baut, baut gegen diesen Pfad. Das wird später noch wichtig.

Es gibt im Bericht auch gute Nachrichten, und ich lasse sie nicht weg: 2025 war das erste Jahr, in dem Erneuerbare weltweit mehr Strom erzeugt haben als Kohle (10.730 gegenüber 10.476 Terawattstunden). Solar wächst siebenmal schneller als 2015 erwartet. Elektroautos hatten 2025 einen Anteil von 25 Prozent an den weltweiten Neuzulassungen. Und UNEP hat über 220 Politikbewertungen ausgewertet: Klimapolitik senkt Emissionen messbar, dort wo sie gemacht wird. Das Problem ist nicht die Wirkung, sondern das Tempo und die Verbreitung.

Warum die Erde sich erwärmt und was das physikalisch bedeutet

Der Mechanismus ist seit dem 19. Jahrhundert bekannt und wird in jedem IPCC-Bericht bestätigt: CO₂, Methan und Lachgas lassen Sonnenlicht durch, absorbieren aber die Wärmestrahlung, die die Erde zurück ins All schickt. Mehr Treibhausgas, mehr zurückgehaltene Wärme. Da fossile CO₂-Emissionen laut UNEP 68 Prozent aller Treibhausgase ausmachen und das CO₂ Jahrhunderte in der Atmosphäre bleibt, steigt die Konzentration weiter, solange überhaupt emittiert wird. Der Bericht formuliert das nüchtern: Auch wenn die Emissionen 2025 nicht gestiegen sind, „wird die CO₂-Konzentration weiter steigen“.

Die Folgen sind inzwischen Messwerte, keine Prognosen. Der Copernicus-Klimadienst meldete im September, der August 2026 sei der wärmste je gemessene Monat gewesen, gleichauf mit dem Juli 2023, bei 16,96 °C Mitteltemperatur und 1,65 °C über dem vorindustriellen Niveau. Die Ozeane außerhalb der Polargebiete lagen mit 21,07 °C ebenfalls auf Rekordniveau. Westeuropa hatte den wärmsten Sommer seit Beginn der Aufzeichnungen, vor 2003.

Das ist der Punkt, an dem „1,5 Grad“ aufhört, eine abstrakte Zahl zu sein. Ein Grad mehr im Jahresmittel bedeutet nicht, dass jeder Tag ein Grad wärmer ist. Es bedeutet, dass die Verteilung der Wetterlagen sich verschiebt und die Extreme am oberen Rand überproportional zunehmen. Der IPCC schreibt in seinem sechsten Sachstandsbericht, die Größe von Temperaturextremen wachse proportional zur Erwärmung, ihre Wahrscheinlichkeit aber nichtlinear. Carbon Brief hat die Aussagen zu Extremwetter übersichtlich zusammengestellt.

Hitzesommer 2026 in Deutschland: die Messdaten

Der Deutsche Wetterdienst hat am 31. August 2026 Bilanz gezogen, nachzulesen auf dem Deutschen Klimaportal. Die Mitteltemperatur lag bei 19,6 °C, das sind 3,3 Grad über dem Referenzzeitraum 1961–1990 und 2,0 Grad über 1991–2020. Nur der Sommer 2003 war mit 19,7 °C wärmer. Im Flächenmittel gab es 22 heiße Tage über 30 °C und fünf Tage über 35 °C.

Am 27. Juni wurden in Möckern-Drewitz in Sachsen-Anhalt 41,8 °C gemessen, ein neuer deutscher Rekord. In der Nacht darauf fiel die Temperatur in Kubschütz in Sachsen nicht unter 29,4 °C, der höchste Nachtwert, der je in Deutschland gemessen wurde. Der Sommer brachte nur 171 Liter Niederschlag pro Quadratmeter, 72 Prozent des Solls, und mit 779 Sonnenstunden einen der fünf sonnigsten Sommer seit 1951. Viele Flüsse erreichten Rekord-Niedrigstände, dazu kamen verbreitet Wald- und Vegetationsbrände. Am 19. August bestätigte der DWD Tornados in Brandenburg und in einem Korridor vom Westerwald über Hessen bis Thüringen.

Die Hitzewelle vom 18. bis 28. Juni war nach Angaben des DWD in Dauer, Ausdehnung und Intensität ohne historisches Vorbild. Sieben Tage lang lag das deutschlandweite Tagesmaximum im Mittel bei 33 °C, das hatte es noch nie gegeben.

Die Attributionsstudie: ohne Klimawandel statistisch unmöglich

Der DWD hat zu dieser Hitzewelle am 22. Juli 2026 eine Attributionsstudie veröffentlicht. Attribution bedeutet: Man vergleicht, wie wahrscheinlich ein solches Ereignis im heutigen Klima ist und wie wahrscheinlich es in einem Klima ohne menschlichen Einfluss wäre. Das Ergebnis, wie es ZDFheute unter Berufung auf den DWD wiedergibt: Eine Hitzewelle dieser Größenordnung wäre ohne den menschengemachten Klimawandel statistisch unmöglich gewesen. Das DKKV ergänzt, dass die Temperaturen in vielen Regionen Wiederkehrzeiten von über 100 Jahren hatten.

Für Europa insgesamt kam die internationale Gruppe World Weather Attribution bereits am 26. Juni zu demselben Schluss, berichtet Al Jazeera: Eine vergleichbare Wetterlage wäre im Klima von 1976 rund 3,5 °C kühler ausgefallen, solche Ereignisse seien heute zehn- bis hundertfach wahrscheinlicher als vor 2003 und vor 50 Jahren „praktisch unmöglich“ gewesen. Leitautor Theodore Keeping vom Imperial College: Das Ereignis „wäre im Juni ohne Klimawandel nicht möglich gewesen“.

16.000 Hitzetote: die Zahl und ihre Methode

Das Robert Koch-Institut schätzt in seinem Wochenbericht zur hitzebedingten Mortalität für den Zeitraum Kalenderwoche 15 bis 37 des Jahres 2026 rund 16.000 hitzebedingte Sterbefälle, mit einem Prognoseintervall von 14.400 bis 17.600 (Stand 24. September 2026). Das entspricht 19,3 Todesfällen je 100.000 Einwohner. Auf die Altersgruppe über 85 entfallen 8.200 Fälle, auf 75- bis 84-Jährige 3.890.

Wie kommt das RKI auf diese Zahl, wenn auf keinem Totenschein „Hitze“ steht? Das Modell nutzt die wöchentlichen Sterbefallzahlen des Statistischen Bundesamts und die Wochenmitteltemperaturen von 52 DWD-Stationen. Es berechnet, wie viele Menschen bei den beobachteten Temperaturen gestorben sind, und vergleicht das mit der Zahl, die das Modell bei einer auf etwa 20 °C gedeckelten Temperatur erwarten würde. Die Differenz sind die hitzebedingten Sterbefälle. Zum Vergleich die Werte aus dem Epidemiologischen Bulletin 19/2025: 2018 waren es 8.500, 2019 7.000, 2022 4.500, 2023 3.100, 2024 2.800. Für 2025 nannte das RKI laut Apotheken Umschau rund 2.600.

Die Rohdaten bestätigen das Bild. Das Statistische Bundesamt meldete am 13. Oktober 2026 in seiner Pressemitteilung zu den Sterbefallzahlen im dritten Quartal, dass in der letzten vollen Juniwoche 36 Prozent mehr Menschen starben als im Mittel der vier Vorjahre, in der Folgewoche 28 Prozent mehr. Der Juni lag insgesamt um rund 8.000 Sterbefälle über dem Erwartungswert. In den Wochen ohne Hitze lagen die Zahlen unter dem Vergleichswert, bis zu 9 Prozent in der Kalenderwoche 36.

Ist die Zahl übertrieben? Das Science Media Center hat dazu vier Fachleute befragt. Alexandra Schneider vom Helmholtz Zentrum München hält die RKI-Schätzung für „eher konservativ“. Martin Röösli vom Swiss TPH sagt, die Zahl sei „so hoch wie noch nie, auch höher als 2003“. Wolfgang Straff vom Umweltbundesamt verweist darauf, dass die fehlende Untersterblichkeit danach gegen einen reinen Vorzieheffekt spricht. Der DIVI-Generalsekretär Uwe Janssens sagte dem ZDF, er halte die Schätzung für zu niedrig: „Es sind sicherlich mehrere Tausend Todesfälle mehr.“

Europaweit zeigt die Studie des Instituts ISGlobal in Nature Medicine für 2024 bereits 62.775 Hitzetote in Europa, davon 6.282 in Deutschland, und mehr als 181.000 in den Sommern 2022 bis 2024. Für 2026 liegt die europäische Auswertung noch nicht vor.

„Heiße Sommer gab es schon immer“: der Faktencheck

Dieser Satz fällt in jeder Diskussion. Er ist in einem Punkt richtig: Einzelne heiße Sommer gab es tatsächlich, 1947, 1976, 2003. Er ist in allem anderen falsch, und zwar nachprüfbar.

Erstens die Häufigkeit. Der Versicherungsverband GDV hat 2021 auf Basis der DWD-Rasterdaten ausgewertet, wie sich die Zahl der heißen Tage über 30 °C entwickelt hat. Deutschlandweit lag sie in den Jahren 2011 bis 2020 bei 11,1 pro Jahr, rund das Dreifache der 1950er Jahre. In Dessau-Roßlau stieg der Wert von 5,5 auf 16,3, im Harz von 2,7 auf 9,7. Andreas Becker vom DWD sagte dazu, die steigende Treibhausgaskonzentration lasse die Zahl heißer Tage „von Jahrzehnt zu Jahrzehnt signifikant“ steigen.

Zweitens die Ränge. Das Umweltbundesamt listet in seinem Indikator zur Lufttemperatur die zehn wärmsten Jahre seit 1881 auf: alle liegen im 21. Jahrhundert. Die Jahre mit den meisten heißen Tagen sind 2018 (20,4), 2003 (19,0), 2015 (17,6) und 2022 (17,3). Der Sommer 2026 kommt mit 22 heißen Tagen vorläufig auf einen neuen Spitzenwert. Deutschland hat sich seit 1881 im linearen Trend um 1,9 °C erwärmt, das Jahr 2025 lag 2,2 °C über dem Mittel von 1881 bis 1910.

Drittens die Nächte. Der Rekord von 29,4 °C Tiefsttemperatur in Kubschütz ist kein Schönheitsfehler, sondern der Mechanismus hinter den Sterbezahlen: Wenn der Körper nachts nicht abkühlen kann, kippen Kreislauf und Nieren bei alten Menschen. Nach Angaben des DWD, zitiert im Alltagsmagazin, haben im Juni 2026 339 von 488 Stationen neue Nachttemperaturrekorde gemeldet.

Viertens die Attribution. Das Argument „gab es schon immer“ setzt voraus, dass die Wahrscheinlichkeit gleich geblieben ist. Genau das lässt sich heute berechnen, und das Ergebnis steht oben: ohne Klimawandel statistisch unmöglich. Eine Studie in Nature von Yann Quilcaille an der ETH Zürich hat 2025 zudem 213 schwere Hitzewellen seit 2000 systematisch zugeordnet: Alle wurden durch die Emissionen der größten fossilen Produzenten wahrscheinlicher und intensiver, bis zu ein Viertel wäre ohne diese Emissionen „praktisch unmöglich“ gewesen.

Wer also 1976 anführt, argumentiert mit einem Ereignis, das damals eine Ausnahme war und heute ein Mittwoch im Juli ist. Das ist keine Meinung, das ist die Verteilungsfunktion.

Und die Stürme?

Hier bin ich bewusst vorsichtig, weil die Datenlage es verlangt. Der IPCC stuft die Zunahme von Hitzewellen durch menschlichen Einfluss als „praktisch sicher“ ein, die Zunahme von Starkregen als „wahrscheinlich“. Für Winterstürme in Mitteleuropa gibt es keinen vergleichbar klaren Trend. Wer behauptet, es gebe heute „deutlich mehr Stürme“, überdehnt die Evidenz, und das sollte man nicht tun, wenn man die Gegenseite der Unsauberkeit bezichtigt.

Was belegt ist: Der GDV meldet in seiner Halbjahresbilanz 2026, dass die versicherten Schäden aus Starkregen und Überschwemmung sich im ersten Halbjahr gegenüber dem Vorjahr auf 200 Millionen Euro verdoppelt haben, während das Gesamtjahr wegen ausgebliebener Winterstürme bisher glimpflich verläuft. Der langfristige Trend ist eindeutig: Der Zehnjahresschnitt der Elementarschäden in der Sachversicherung stieg von rund 1,4 Milliarden Euro (2000–2009) auf rund 2,4 Milliarden Euro (2016–2025). GDV-Hauptgeschäftsführer Jörg Asmussen: „Auch dieser Hitzesommer mit Temperaturrekord zeigt, dass der Klimawandel weiter voranschreitet.“ Die geringen Schäden im ersten Halbjahr nennt er „schlicht Glück“.

Klimapolitik der Bundesregierung: was tatsächlich passiert

Jetzt zum zweiten Teil der Frage. Der Bundeskanzler hat nach dem Hitzesommer angekündigt, man werde „Lehren ziehen und konkrete Hilfen prüfen“. Hier ist, was die Regierung in den vergangenen 15 Monaten beim Thema Emissionen konkret entschieden hat.

Die Kraftwerksstrategie. Wirtschaftsministerin Katherina Reiche hatte zunächst „mindestens 20 Gigawatt“ neue Gaskraftwerke angekündigt. Die EU-Kommission hielt das für überdimensioniert, und laut Deutscher Umwelthilfe war ein beihilferechtliches Gutachten zu dem Schluss gekommen, die Pläne seien nicht genehmigungsfähig. Die Einigung mit Brüssel vom Januar 2026 sieht nun Ausschreibungen über 12 Gigawatt steuerbarer Leistung ab 2026 vor, davon 10 Gigawatt mit einem Langfristkriterium, das faktisch auf Gaskraftwerke zugeschnitten ist. Alle Anlagen müssen „wasserstofffähig“ sein, aber nur 2 Gigawatt sollen bis 2040 und weitere 2 bis 2043 tatsächlich auf Wasserstoff umgestellt werden. Der Rest darf bis 2045 mit Gas laufen.

Die Gasförderung. Am 2. Juli 2025 hat das Kabinett laut Pressemitteilung des Wirtschaftsministeriums das Abkommen mit den Niederlanden zur Erdgasförderung vor Borkum auf den Weg gebracht. Reiche begründet es mit dem Koalitionsvertrag, der die Nutzung „konventioneller Gaspotenziale“ vorsieht.

Die Weichenstellung im September 2025. Mit dem Monitoringbericht zur Energiewende legte Reiche einen Zehn-Punkte-Plan vor: „realistische“ Bedarfsplanung, Förderung der Erneuerbaren stärker am Markt ausrichten, einen technologieoffenen Kapazitätsmarkt, CCS als Klimaschutztechnologie. Die DUH nannte den Planungsansatz eine Bremse für den Ausbau der Erneuerbaren.

Der Gebäudesektor und der Verkehr. Das Gebäudemodernisierungsgesetz streicht die 65-Prozent-Regel für erneuerbares Heizen, und auf EU-Ebene betreibt die Bundesregierung die Rücknahme des Flottengrenzwerts für 2035. Beides habe ich in den Artikeln Klimaneutralität 2045: 6 Billionen Euro und kein Plan und Technologieoffenheit: Offen für alles außer Physik ausführlich beschrieben. Merz in Brüssel am 16. Oktober: Das Verbrenner-Aus sei „damit Geschichte“.

Das EU-Klimaziel 2040. Bei der Einigung der Umweltminister am 5. November 2025 wurde das 90-Prozent-Ziel so aufgeweicht, dass laut evangelisch.de nur 85 Prozent im Inland erbracht werden müssen und 5 Prozent über Zertifikate aus Drittstaaten. Diplomaten berichteten, Deutschland habe sein Gewicht vor den Verhandlungen nicht eingebracht. Die Einführung des Emissionshandels für Gebäude und Verkehr wurde auf 2028 verschoben.

Die Subventionen. Der Klima-Subventionsbericht 2026 des Forums Ökologisch-Soziale Marktwirtschaft im Auftrag der Bertelsmann Stiftung beziffert klimaschädliche und teilweise klimaschädliche Vergünstigungen in Deutschland für 2024 auf 66,2 Milliarden Euro, darunter 6,5 Milliarden für das Dieselprivileg und 7 Milliarden für die Kerosinsteuerbefreiung. Keine davon hat die Koalition angetastet. Und der UNEP-Bericht selbst führt Deutschland in Tabelle 3.4 als Beispiel für Staaten, die in der Energiekrise 2026 die Steuern auf fossile Kraftstoffe gesenkt haben, in der Spalte „Maßnahmen, die die Energiewende verzögern können“.

Das Ergebnis dieser Politik hat der Expertenrat für Klimafragen am 18. Mai 2026 bewertet: Die Emissionen sanken 2025 um 0,1 Prozent. Das Emissionsbudget bis 2030 wird nach Einschätzung des Rates um 60 bis 100 Millionen Tonnen überschritten. Und kein gesetzliches Ziel bis 2040 würde erreicht, selbst wenn das Klimaschutzprogramm 2026 vollständig umgesetzt wäre. Das Bundesverwaltungsgericht hatte die Regierung bereits am 29. Januar 2026 verpflichtet, nachzubessern (dazu mein Artikel Juristische Ohrfeige für die Union).

Was in der Union gesagt wird

Die Haltung der Partei lässt sich an Zitaten festmachen, nicht an Unterstellungen. Friedrich Merz sagte am 9. Juli 2025 in der Regierungsbefragung des Bundestags laut Tagesspiegel, selbst wenn Deutschland morgen klimaneutral wäre, „würde keine einzige Klimakatastrophe auf der Welt weniger geschehen“. Im selben Atemzug bekannte er sich zu Paris und zum Ziel 2045.

Tilman Kuban, europapolitischer Sprecher der Unionsfraktion, sagte der Welt im September 2025, zitiert bei beck-aktuell: „Es ist ausreichend, wenn wir 2045 zu 80 % klimaneutral sind.“ Und: „Die Kernfrage ist doch, ob wirklich die Welt untergeht, nur weil in Deutschland noch ein paar Kohleöfen laufen.“ Im Bundestag am 30. Januar 2026 erklärte er laut Protokollzusammenfassung, die Klimaziele stammten aus einer anderen Weltlage, „diese Zeiten sind vorbei und werden auch nicht wiederkommen“. Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer erwartet laut Handelsblatt „enorme Kostenersparnisse“, wenn die Wirtschaft 2045 nur zu 80 oder 90 Prozent klimaneutral wäre.

Fairerweise: Andreas Jung, stellvertretender Fraktionsvorsitzender, hat Kuban laut Neue Westfälische widersprochen: „Das Ziel steht also.“ Und die Regierung argumentiert, Gaskraftwerke seien als Reserve für Dunkelflauten nötig, die Versorgungssicherheit gehe vor, und die Industrie dürfe nicht durch Energiekosten abwandern. Wirtschaftsminister Kretschmer lobt Reiche ausdrücklich für mehr Bezahlbarkeit. Das sind legitime Argumente. Ob sie tragen, ist die Frage des nächsten Abschnitts.

Ab hier Kommentar

Ich halte die Union nicht für eine Partei von Klimaleugnern. Sie hat etwas Praktischeres gefunden: Man erkennt die Physik an und handelt, als gäbe es sie nicht. Merz’ Satz von der „keinen einzigen Klimakatastrophe“ ist das Musterbeispiel. Er ist arithmetisch unangreifbar und logisch bankrott, weil er für jedes Land der Welt gilt, das weniger als 100 Prozent der Emissionen verursacht. Also für alle. Mit dieser Begründung muss niemand irgendetwas tun, und genau das ist ihr Zweck.

Kubans „paar Kohleöfen“ sind in Wahrheit ein Land, dessen Pro-Kopf-Emissionen laut UNEP-Bericht in der EU bei 7,0 Tonnen liegen, mehr als der Weltdurchschnitt von 6,4. Die Behauptung, 80 Prozent Klimaneutralität reichten, ignoriert die zentrale Zahl des Berichts: 320 Gigatonnen CO₂-Entnahme, nur um ein Überschießen rückgängig zu machen, das wir bereits ausgelöst haben. Jedes Prozent, das Deutschland nicht liefert, muss später jemand aus der Luft holen. Zu Kosten, die heute niemand beziffern kann.

Und die Gaskraftwerke: Der UNEP-Pfad sieht für Gas einen Rückgang von 35 Prozent bis 2040 und 75 Prozent bis 2050 vor. Die Bundesregierung baut 12 Gigawatt, von denen 8 bis 2043 gar nicht und der Rest erst bis 2045 umgestellt werden muss, mit einer Wasserstoffversorgung, die es in dieser Größenordnung nicht gibt. Das ist kein Reservekonzept. Das ist ein fossiler Pfad mit grünem Etikett, bezahlt aus Steuergeld, und die DUH hat recht, wenn sie das als Planwirtschaft für Gas bezeichnet. Dass dieselbe Regierung gleichzeitig Gasförderung im Wattenmeer ermöglicht, Dieselprivileg und Kerosinbefreiung unangetastet lässt und in Brüssel das 2040-Ziel verwässert, ergibt ein Muster. Der Expertenrat hat es in einen Satz gefasst: Kein Ziel bis 2040 wird erreicht.

Der Sommer 2026 hat gezeigt, was das in Menschen gerechnet bedeutet. 16.000 Tote sind das Dreieinhalbfache der Verkehrstoten eines Jahres, in fünf Monaten. Die Gegenrede, das seien ohnehin alte und kranke Menschen gewesen, ist keine Entlastung, sondern eine Beschreibung der Opfergruppe. Das Umweltbundesamt sagt es so: Fast jeder gehört irgendwann zur Risikogruppe. Dass Teile der Union jetzt ausgerechnet den Vorschlag ablehnen, Hitzeschutz ins Grundgesetz zu schreiben, passt ins Bild.

Was mich an der Debatte um die „Sommer, die es schon immer gab“ wirklich ärgert, ist nicht die Unkenntnis. Die Daten sind frei verfügbar, beim DWD, beim UBA, beim RKI. Es ist, dass dieses Argument als Erlaubnis dient, nichts zu tun, während die Zahl der heißen Tage sich verdreifacht und die Nächte nicht mehr abkühlen. Wer 2026 noch mit 1976 argumentiert, hat sich entschieden, nicht hinzusehen.

Fazit

Der Emissions Gap Report 2026 markiert keinen Weckruf mehr, er dokumentiert den Zustand nach dem Verschlafen. 1,5 Grad ohne Überschießen sind unerreichbar, 2,8 Grad sind die aktuelle Flugbahn, und die Rückkehr hängt an CO₂-Entnahme in einer Größenordnung, die niemand beherrscht. In Deutschland hat dieser Sommer mit 41,8 °C, 22 heißen Tagen und rund 16.000 Hitzetoten gezeigt, was 1,4 Grad globale Erwärmung vor Ort bedeuten. Die Attributionsstudien lassen keinen Raum für „das gab es schon immer“. Und die Bundesregierung reagiert mit 12 Gigawatt Gas, neuer Förderung in der Nordsee, unangetasteten fossilen Subventionen und einem aufgeweichten EU-Ziel, während ihr eigener Expertenrat bescheinigt, dass sie kein gesetzliches Ziel erreichen wird.

Im November beginnt in Antalya die COP31 mit dem zweiten Global Stocktake. UNEP will dort quantifizierte Ziele für 2035 und 2040. Fragen Sie Ihre Bundestagsabgeordneten vorher schriftlich, ob sie das 2045-Ziel unverändert mittragen, und wie die 12 Gigawatt Gas zur Minderung von 35 Prozent bis 2040 passen sollen. Die Antworten gehören veröffentlicht. Beim RKI können Sie bis dahin nachlesen, wie die Zahl für Ihr Bundesland aussieht.

Quellen:

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