Erinnern Sie sich an den September-Patchday? Knapp tausend geschlossene Lücken, der größte Patch Tuesday aller Zeiten, zwei aktiv ausgenutzte Zero-Days, das ganze angetrieben von Microsofts neuer KI-gestützter Schwachstellensuche. Ein Kraftakt. Man möchte fast applaudieren.
Dann spielt man die Updates ein und stellt fest, dass die Kur schlimmer ist als die Krankheit. Innerhalb von 48 Stunden meldeten Administratoren weltweit dasselbe Muster: Terminalserver, die nach ein paar Stunden einfrieren. Windows-11-Clients, die ihre Vertrauensstellung zur Domäne verlieren und sich nicht mehr anmelden lassen. Schwarze Bildschirme. BitLocker-Fehler bei jedem Neustart. Rechner, die nach dem Secure-Boot-Update gar nicht mehr hochkommen. Man hat 966 Löcher gestopft und dafür vier neue Baustellen aufgerissen. Willkommen zur Nachlese.
Remote Desktop Services: gepatcht und tot
Das prominenteste Problem trifft ausgerechnet die Remotedesktopdienste. Nach der Installation der September-Updates auf Windows Server 2019 (KB5122876), 2022 (KB5122882) und 2025 (KB5122871) laufen die RDS-Server zunächst ein paar Stunden normal. Dann klemmt es: Neue RDP-Verbindungen bleiben dauerhaft im Status „Verbindung wird hergestellt“ hängen, bestehende Sitzungen lassen sich nicht mehr sauber trennen oder abmelden. Besonders perfide ist ein zweites Fehlerbild, das mehrere Administratoren unabhängig voneinander beschreiben: Sobald sich der erste Nutzer abmeldet, stürzt der Dienst ab, und danach kommt niemand mehr herein. Nicht einmal der Task-Manager lässt sich noch als Administrator starten. Ein Neustart hilft nicht. Was hilft, ist ein harter Reset und anschließend die Deinstallation des Updates.
Ein Administrator hat den Hänger auf Server 2022 bis in die Funktion WDLIB_Close zurückverfolgt und vermutet einen Deadlock zwischen dem RDP-Stack und dem Local Session Manager, also genau beim Abbau einer Sitzung. Das ist eine plausible, aber unbestätigte Fremddiagnose. Und jetzt der eigentliche Treppenwitz: Das September-Paket schließt vier Schwachstellen, die direkt in den Remotedesktopdiensten sitzen, darunter CVE-2026-69525 mit einem CVSS-Wert von 9,8. Aus dem Netz erreichbar, ohne Anmeldung, ohne Zutun des Nutzers. Genau die Art Lücke, die man sofort schließen will. Nur nimmt das Update, das sie schließt, den Dienst gleich mit. Sie haben also die Wahl zwischen einem gepatchten, aber toten Terminalserver und einem laufenden, aber verwundbaren. Danke für nichts.
Als Sahnehäubchen deutet einiges darauf hin, dass die Ursache in derselben Komponente steckt, die Microsoft in den Release Notes als Verbesserung anpreist: die Audioweiterleitung in Remote-Desktop-Sitzungen. Eine Tonspur-Korrektur, die die komplette Anmeldung lahmlegt. Man muss es erst einmal schaffen.
Domänen-Vertrauensstellung: Sicherheit, die Sicherheit bricht
Der zweite große Ausfall betrifft die Clients. Nach der Installation von KB5124008 auf domänengebundenen Windows-11-Arbeitsstationen verlieren betroffene Rechner ihren sicheren Domänenkanal. Die Symptome sind eindeutig: nltest meldet „ERROR_NO_TRUST_LSA_SECRET“ (1786), eine interaktive Anmeldung ist nicht mehr möglich, und zwischengespeicherte Anmeldeinformationen funktionieren offline weiterhin. Letzteres verrät, wo es klemmt: Die Vertrauensbeziehung des Computerkontos ist auf Ebene des LSA-Geheimnisses gerissen. Besonders zuverlässig tritt der Effekt bei Geräten auf, die sich per VPN verbinden.
Die vermutete Ursache ist an Ironie kaum zu überbieten. Laut einem Moderator im Microsoft-Learn-Forum hat Microsoft die Anforderungen an den sicheren Netlogon-Kanal in den jüngsten kumulativen Updates verschärft, also strengere Schlüsselaushandlung und Signierung erzwungen. Auf Server-2019-Domänencontrollern scheitert der Handshake dann, weil der Client strengere Anforderungen durchsetzt, als die Domänencontroller anbieten. Kurz gesagt: Microsoft härtet den Kanal, der das Vertrauen absichern soll, und bricht dabei genau dieses Vertrauen. Eine Sicherheitsmaßnahme, die die Anmeldung an der eigenen Domäne verhindert. Sicherer ist der Rechner damit zweifellos, denn niemand kommt mehr rein, auch nicht der rechtmäßige Nutzer.
Der Rest des Trümmerfelds
Damit nicht genug. Die Nachlese fördert eine ganze Reihe kleinerer, aber ärgerlicher Baustellen zutage:
Schwarze Bildschirme in RDP- und Hyper-V-Sitzungen, bei denen nur noch der Mauszeiger sichtbar ist. Ursache in mindestens einem gut dokumentierten Fall: Das Update hat den installierten Grafiktreiber durch den generischen Windows-Treiber ersetzt. Die manuelle Neuinstallation des richtigen Treibers und ein Neustart bringen die Sitzung zurück.
BitLocker mit Event-ID 24641 nach jedem Reboot, das über einen Fehler beim Abruf des Volume-Master-Keys klagt. Immerhin bleiben die Laufwerke offenbar zugänglich, das Ganze ist also eher kosmetisch. Beruhigend, wenn die Verschlüsselung nur so tut, als wäre etwas kaputt.
Die Secure-Boot-Falle. Das Secure-Boot-Update erwartet eine WinRE-Partition von rund 750 MB. Ist sie kleiner, versucht Windows Update sie zu vergrößern, was schiefgehen und den Rechner am Booten hindern kann. Bonuspunkt: Microsofts eigene Größenempfehlungen im Web widersprechen sich, je nachdem, welche Seite man erwischt. Wer soll da noch die richtige Partitionsgröße kennen?
Dazu kommen vereinzelte Update-Installationen, die nach dem ersten Reboot per Rollback wieder verschwinden, ein .NET-Update, das den Windows-Start torpediert, und eine kaputte Kopierfunktion in Excel nach dem zugehörigen Office-Update. Copy und Paste in einer Tabellenkalkulation. 2026.
„Aber die KI findet doch so viele Lücken“
Man kann das alles als Pech abtun, als unglückliche Häufung. Nur ist es keine. Der August hat den Druck von WPF-Anwendungen genommen, indem er das Drucken und den PDF-Export in ihnen zerlegte. Auf Windows Server 2016 warfen die August-Updates reihenweise 0xc0000409-Fehler. Und während Administratoren noch mit den September-Trümmern kämpfen, macht bereits eine frische Defender-Zero-Day namens „ShieldCrash“ die Runde, die Microsofts jüngsten Patch aushebelt. Es ist ein Muster, kein Ausrutscher.
Und hier wird es dann grundsätzlich. Microsoft rühmt sich, dank KI-gestützter Analyse inzwischen fast tausend Schwachstellen pro Monat aufzuspüren. Schön für die Statistik. Nur nützt die beste Schwachstellensuche der Welt wenig, wenn das Update, das eine Lücke schließt, den Server gleich mit abräumt. Softwarequalität misst sich nicht an der Zahl der gefundenen Bugs, sondern an der Zahl der Updates, die sauber durchlaufen. Eine KI, die Lücken findet, aber keine, die dafür sorgt, dass der Fix niemanden aussperrt, verschiebt das Problem nur von der einen auf die andere Seite. Am Ende steht der Administrator, der abwägen muss, ob die aktiv ausgenutzte Zero-Day oder der eigene Patch das größere Risiko ist. Das ist kein Fortschritt, das ist eine Zumutung.
Was Microsoft (nicht) bestätigt
Der Vollständigkeit halber, weil es zum Bild passt: Zu den RDS-Ausfällen hat Microsoft gegenüber BleepingComputer inzwischen immerhin eingeräumt, die Berichte zu kennen und zu untersuchen. Eine bestätigte Ursache, ein Fix oder ein offizieller Workaround fehlen bislang, ebenso ein Eintrag im Windows Release Health Dashboard. Die Deadlock-Theorie stammt von Administratoren, nicht von Microsoft.
Zum Verlust der Domänen-Vertrauensstellung, zu den schwarzen Bildschirmen, zum BitLocker-Fehler und zur Secure-Boot-Falle gibt es Stand jetzt überhaupt keine offizielle Stellungnahme, kein bestätigtes Known Issue und keinen Known Issue Rollback. Wer betroffen ist, ist auf Community-Wissen und Eigeninitiative angewiesen. Das ist bei einem Update dieser Tragweite, das zwei aktiv ausgenutzte Zero-Days schließt, bemerkenswert dünn.
Was Sie jetzt tun sollten
So verlockend es nach dieser Aufzählung ist, den September-Patchday komplett zu überspringen: Tun Sie es nicht. Die beiden Zero-Days werden real angegriffen, und die Netzwerk-RCEs in DNS, DHCP und Co. sind kein Papiertiger. Die Antwort heißt nicht „nicht patchen“, sondern „gezielt patchen“. Konkret:
Trennen Sie Clients und Server. Die aktuell dokumentierten Totalausfälle betreffen vor allem RDS-/Terminalserver und den Domänenkanal. Rollen Sie die Client-Updates dort aus, wo die Zero-Days am meisten wehtun, also zuerst auf exponierten und sensiblen Endgeräten. Halten Sie im Gegenzug die kumulativen Server-Updates auf produktiven Terminalservern zurück, bis Microsoft nachbessert, und flankieren Sie das mit einer strengen Beschränkung der RDP-Exposition (kein RDP ins Internet, RD-Gateway, MFA, Netzsegmentierung).
Testen Sie vor der Fläche. Ein Testring aus repräsentativen Geräten hätte in diesem Monat mehr gebracht als jede Release Note. Wer erst auf einer Handvoll Maschinen prüft und dann breit ausrollt, fängt genau solche Regressionen ab, bevor sie den Betrieb treffen.
Halten Sie die Workarounds bereit, falls es Sie doch erwischt. Bei toten RDS-Servern hilft zuverlässig nur die Deinstallation des jeweiligen Server-Updates (KB5122876, KB5122882 oder KB5122871), zur Not per DISM, samt vorübergehendem Pausieren der Updates. Ein bloßer Neustart genügt nicht. Bei gebrochener Domänen-Vertrauensstellung nach KB5124008 gibt es drei Wege: das Update deinstallieren, den Rechner aus der Domäne nehmen und neu beitreten, oder den sicheren Kanal mit Domänen-Administratorrechten reparieren (etwa über Test-ComputerSecureChannel -Repair beziehungsweise Reset-ComputerMachinePassword). Beim schwarzen Bildschirm installieren Sie den korrekten Grafiktreiber neu. Und vor dem Secure-Boot-Update lohnt der Blick auf die Größe der WinRE-Partition.
Kurz: Priorisieren Sie nach tatsächlicher Ausnutzung, staffeln Sie den Rollout, und behalten Sie das Windows Release Health Dashboard im Auge, falls Microsoft doch noch einen Known Issue Rollback oder einen sauberen Fix nachreicht.
Fazit
Der September 2026 ist ein Lehrstück. Nicht darüber, wie gefährlich die Bedrohungslage ist, das wissen wir. Sondern darüber, dass der größte Feind eines gut gewarteten Systems inzwischen der Hersteller selbst sein kann. Ein Patchday, der zwei aktiv ausgenutzte Zero-Days schließt und im selben Atemzug Terminalserver, Domänenanmeldung und Bildschirme lahmlegt, ist kein Sicherheitsgewinn, sondern ein Nullsummenspiel mit Extra-Arbeit. Solange die Update-Qualität so bleibt, ist die eigentliche Kunst nicht mehr das Patchen, sondern das Überleben des Patches. Und keine noch so kluge KI ändert daran etwas, solange sie nur die Lücken zählt und nicht die Scherben.
