Am 3. November 2026 wählen die USA ein neues Repräsentantenhaus, ein gutes Drittel des Senats und 36 Gouverneure. Die US-Midterms 2026 sind die erste bundesweite Abstimmung seit Donald Trumps Rückkehr ins Weiße Haus, und sie entscheiden darüber, ob er die kommenden zwei Jahre weiter mit Mehrheiten in beiden Kammern regiert oder ob ihm ein demokratisches Repräsentantenhaus Untersuchungsausschüsse und möglicherweise ein drittes Amtsenthebungsverfahren beschert.
Wer in Deutschland nur die Schlagzeilen mitbekommt, sieht Zahlen wie „4 Milliarden Dollar Werbeausgaben“ oder „Musk spendet 276 Millionen“ und fragt sich, was das eigentlich mit einer Wahl zu tun hat. Genau darum geht es in diesem Artikel. Ich erkläre zuerst, was Midterms sind und was auf dem Spiel steht, dann die aktuelle Lage nach Umfragen und Prognosen. Danach kommt der Teil, der mir wichtig ist: warum ich das US-Wahlsystem in seiner heutigen Form für ein sehr teures Pendel halte, das bei jeder Wahl in die Gegenrichtung ausschlägt und dabei alles umwirft, was die Vorgänger aufgebaut haben.
Die Fakten und meine Bewertung trenne ich dabei deutlich. Sie sollen erkennen können, wo der Bericht aufhört und wo meine Meinung anfängt.

Zwischenwahlen USA erklärt: Was am 3. November gewählt wird
Midterms heißen so, weil sie in der Mitte der vierjährigen Amtszeit des Präsidenten stattfinden. Der Präsident selbst steht nicht zur Wahl. Trotzdem gelten die Zwischenwahlen traditionell als Referendum über ihn, und sie gehen für die Partei im Weißen Haus meistens schlecht aus. Seit den 1930er-Jahren hat die Präsidentenpartei bei Midterms fast immer Sitze im Repräsentantenhaus verloren, oft auch die Mehrheit, wie Fox News in einem Bericht über Trumps Wahlkampfauftritt in Iowa zusammenfasst.
Konkret stehen 2026 zur Wahl:
- Alle 435 Sitze im Repräsentantenhaus, das alle zwei Jahre komplett neu gewählt wird.
- 35 der 100 Senatssitze: 33 reguläre Wahlen plus zwei Nachwahlen in Florida und Ohio für die Sitze, die Marco Rubio (heute Außenminister) und J. D. Vance (heute Vizepräsident) frei gemacht haben.
- 36 Gouverneursposten, dazu laut Ballotpedia 31 Vize-Gouverneure, 30 Generalstaatsanwälte und 26 Secretaries of State, also unter anderem die Leute, die in den Bundesstaaten die Wahlen organisieren.
Die Ausgangslage im Kongress ist eng. Im Senat halten die Republikaner 53 Sitze, die Demokraten 45, und zwei Unabhängige stimmen mit den Demokraten, was ihnen effektiv 47 Stimmen gibt. Die Demokraten brauchen einen Nettogewinn von vier Sitzen für die Mehrheit. Das klingt nach wenig, ist aber schwer, weil die Republikaner von den 33 regulären Sitzen 20 verteidigen und die Demokraten 13, und weil die Demokraten gleichzeitig ihre Sitze in Georgia und Michigan halten müssen, zwei Staaten, die Trump 2024 gewonnen hat.

Im Repräsentantenhaus ist es noch knapper. Die Republikaner halten laut Ballotpedia eine 219-zu-213-Mehrheit bei drei vakanten Sitzen; die Demokraten brauchen netto drei Bezirke mehr, die Republikaner dürfen höchstens zwei verlieren. Drei Sitze bei 435 Wahlkreisen. Das ist der Grund, warum beide Seiten seit Monaten an den Wahlkreisgrenzen herumschneiden, dazu gleich mehr.

Warum der Senat so viel Gewicht hat
Das Repräsentantenhaus beschließt den Haushalt und kann den Präsidenten anklagen (Impeachment). Der Senat bestätigt Richter, Minister, Botschafter und ratifiziert Verträge, und er ist das Gericht im Amtsenthebungsverfahren. Wer den Senat hält, hält die Personalpolitik des Bundes. Für Trump heißt das: Ein demokratischer Senat könnte ihm Bundesrichter und Kabinettsposten blockieren. Ein demokratisches Repräsentantenhaus allein kann ihn anklagen, aber ohne zwei Drittel im Senat nicht absetzen.
Umfragen Midterms: Wie die Lage im Oktober 2026 aussieht
Die Zahlen sind für die Republikaner unangenehm. Trumps Zustimmungswerte lagen im Schnitt der großen Aggregatoren am 8. Oktober 2026 bei 36,3 Prozent Zustimmung und 61,2 Prozent Ablehnung, so die Zusammenstellung auf Wikipedia. Reuters/Ipsos maß Anfang Oktober einen Rekordtiefstand von 32 Prozent, wie Forbes berichtet. Im sogenannten Generic Ballot, der Frage, welche Partei man für den Kongress wählen würde, lagen die Demokraten Anfang Oktober sieben Punkte vorn.

Die Prognosemodelle ziehen daraus den erwartbaren Schluss. Decision Desk HQ gibt den Demokraten am 16. Oktober eine Wahrscheinlichkeit von 77 Prozent für das Repräsentantenhaus (projiziert 235 Sitze) und 56 Prozent für den Senat (projiziert 51 Sitze). Das Modell von Poliwave sieht am 17. Oktober 85 Prozent für das Haus und 61 Prozent für den Senat. Vorsichtiger sind die Politikwissenschaftler: In der Prognose-Sonderausgabe von PS: Political Science & Politics sagen alle zwölf Modelle einen demokratischen Sieg im Repräsentantenhaus voraus, die meisten erwarten aber einen knappen republikanischen Erfolg im Senat.

Die Rennen, die den Senat entscheiden, sind laut DDHQ Iowa, Ohio, Maine und Texas, alle vier als Toss-up eingestuft, dazu Alaska und Michigan. Texas ist der Sonderfall: Dort tritt der Demokrat James Talarico gegen den republikanischen Generalstaatsanwalt Ken Paxton an, und dieses Rennen ist zum teuersten Senatswahlkampf des Jahres geworden. Warum, dazu komme ich beim Geld.
Bei den Gouverneuren ist das Feld ausgeglichen: Jeweils 18 der 36 Posten halten Demokraten und Republikaner, 15 Amtsinhaber dürfen nicht mehr antreten, und Cook stuft Georgia, Nevada, Ohio und Wisconsin als Toss-up ein. Diese Posten sind wichtiger, als sie von außen wirken. Gouverneure unterschreiben Wahlgesetze und Wahlkreiskarten, und einige von ihnen werden 2028 Präsidentschaftskandidaten sein.
Gerrymandering in Texas und Kalifornien: Die Karten wurden vor der Wahl neu gemischt
Bevor es um Geld geht, muss ich über die Wahlkreise reden, weil dort 2025 etwas passiert ist, das es in dieser Form seit Jahrzehnten nicht gab. Wahlkreise werden in den USA normalerweise einmal pro Jahrzehnt nach der Volkszählung neu gezogen. Vor 2025 hatten laut Ballotpedia seit 1970 nur zwei Staaten freiwillig mitten im Jahrzehnt neu zugeschnitten.
Dann kam Texas. Trump drängte die texanischen Republikaner im Sommer 2025, die Kongresskarte so umzuzeichnen, dass bis zu fünf zusätzliche republikanische Sitze entstehen. Die Demokraten im texanischen Parlament verließen den Staat, um das Quorum zu verhindern, kamen aber zurück, nachdem Kalifornien angekündigt hatte, zurückzuschlagen. Im November 2025 stimmten die kalifornischen Wähler Gouverneur Newsoms Vorschlag zu, die unabhängige Wahlkreiskommission vorübergehend auszuhebeln und die demokratische Parlamentsmehrheit eine günstigere Karte zeichnen zu lassen. Insgesamt haben laut Stateline neun Staaten ihre Karten seit letztem Jahr neu gezogen: Alabama, Kalifornien, Florida, Missouri, North Carolina, Ohio, Tennessee, Texas und Utah.
Der Supreme Court hat beide Hauptkarten durchgewunken. Am 2. Juni 2026 hob er laut Voting Rights Lab die Entscheidung einer Vorinstanz auf und erlaubte Texas, die umgezeichnete Karte bei den Midterms zu nutzen. Den Einspruch gegen die kalifornische Karte wies er im Februar 2026 ohne Begründung ab.
Fairerweise: Beide Parteien haben hier dasselbe getan. Texas hat angefangen, Kalifornien hat nachgezogen, Missouri und Florida haben für die Republikaner nachgelegt. Mein Punkt ist nicht, dass eine Seite die Guten sind. Mein Punkt ist, dass ein System, in dem Parteien die Wahlkreise nach Bedarf umzeichnen dürfen, damit ihr Stimmenanteil mehr Sitze bringt, kein System ist, in dem die Wählerinnen und Wähler die Abgeordneten aussuchen. Dort suchen die Abgeordneten ihre Wähler aus.
Wahlkampffinanzierung USA: Wer bezahlt diese Wahl?
Jetzt zum Geld, und hier wird es absurd. Das Wesleyan Media Project zählte bis zum 13. September 2026 Werbeausgaben von 4 Milliarden Dollar über alle Plattformen hinweg, wie der NPR-Sender WSHU berichtet. Michael Franz vom Projekt rechnet mit „etwas in der Nähe von 6 Milliarden Dollar“ für den gesamten Zyklus aus Kongress- und Gouverneurswahlen. Allein das Senatsrennen in Ohio hat seit dem 10. August 100 Millionen Dollar an Werbung verschlungen.
Das ist nur die Werbung. Dazu kommen die Kandidaten selbst: Laut FEC-Daten, aufbereitet von USAFacts, hatten Senats- und Hauskandidaten bis September 2026 rund 1,94 Milliarden Dollar ausgegeben. Und die Unternehmen: Public Citizen zählt 517 Millionen Dollar gemeldete Unternehmensausgaben für die Midterms, ein Rekord, mehr als die Hälfte davon von Krypto-, KI-, Big-Tech- und Online-Wett-Konzernen.
Möglich macht das ein Urteil von 2010. Der Supreme Court entschied in Citizens United, dass Unternehmen, Gewerkschaften und Einzelpersonen unbegrenzt Geld für politische Werbung ausgeben dürfen, solange sie nicht formal mit dem Kandidaten koordinieren. Daraus entstanden die Super PACs, die laut Brennan Center keinen Spendenobergrenzen unterliegen und deren Geld überwiegend von einer kleinen Gruppe der reichsten Spender kommt. Offiziell getrennt von den Kampagnen, arbeiten sie in der Praxis Hand in Hand mit ihnen.
Super PAC und Elon Musk: 276 Millionen Dollar in einem Quartal
Das prominenteste Beispiel in diesem Zyklus ist Elon Musk. Zwischen Juli und September 2026 gab er 276 Millionen Dollar an republikanische Super PACs und Organisationen, davon 158 Millionen an den Senate Leadership Fund (SLF), 20 Millionen an den Congressional Leadership Fund, über 76 Millionen an sein eigenes America PAC, 10 Millionen an das Lone Star Liberty PAC für Ken Paxton, 10 Millionen an die Republican Governors Association und 2 Millionen an die Republican Attorneys General Association. Damit ist er laut The Hill der größte bekannte Spender der Midterms 2026.

Wohin das Geld floss, zeigen die FEC-Meldungen. Musk überwies am 9. September 75 Millionen an den SLF, der die Summe am Folgetag an das neu gegründete Texas PAC weiterreichte. Am 23. September gab Musk weitere 83 Millionen, die der SLF wieder am nächsten Tag an Texas PAC durchleitete. Texas PAC gab laut CNN im September allein über 77 Millionen Dollar für Werbung aus und hat inklusive Buchungen bis zum Wahltag rund 160 Millionen für Paxton eingeplant. Talaricos eigene Kampagne hat etwa 129 Millionen Dollar gesammelt.

Ein einzelner Mann kauft also einen Senatswahlkampf praktisch im Alleingang. CNBC beschreibt die Wirkung nüchtern: Musk habe den Republikanern erspart, für Paxton Mittel aus anderen umkämpften Staaten abzuziehen. Dass Musk in Texas lebt und dort SpaceX, Boring Company und ein geplantes Chip-Werk sitzen, erwähnt The Hill im selben Atemzug. Ich ziehe daraus keinen juristischen Schluss. Ich stelle nur fest, dass ein Wahlsystem, in dem so etwas legal ist, ein Problem mit dem Wort „gleich“ in „gleiche Wahl“ hat.
Zum Vergleich auf der anderen Seite: Demokratische Kandidaten haben laut CNBC in den wichtigen Senatsrennen und in 13 von 21 Toss-up-Hausbezirken den Vorsprung beim selbst gesammelten Kampagnengeld. Die Demokraten haben also die Kleinspender, die Republikaner haben Musk. Beides ist viel Geld. Nur eines davon kommt von Millionen Menschen.
Trumps 5.000-Dollar-Dividende: Ein Versprechen mit Bedingung
Und dann ist da Trump selbst. Am ersten Abend des republikanischen Midterm-Parteitags in Dallas versprach er jedem erwachsenen US-Bürger einen Scheck über 5.000 Dollar, falls die Republikaner sowohl das Repräsentantenhaus als auch den Senat gewinnen. „Wenn die Republikaner gewinnen, gewinnt ihr mit uns und bekommt 5.000 Dollar“, sagte er laut NPR, und nannte es die „Trump-Dividende“. Anfang Oktober wiederholte er die Zusage in einem Video aus dem Oval Office mit dem Zusatz, bei einem demokratischen Sieg gebe es eine Wirtschaftsdepression.
Eine Finanzierung nannte er nicht; CNBC beziffert die Gesamtsumme auf rund 1,3 Billionen Dollar. Dass ein solcher Scheck vom Kongress beschlossen werden müsste, geht in der Ankündigung unter. Kritik kam auch von rechts: Palantir-Mitgründer und Republikaner-Spender Joe Lonsdale nannte den Vorschlag auf X „Brot-und-Spiele-Bestechung“.
Ich halte das für genau das, was Lonsdale sagt. Ein Präsident knüpft eine Auszahlung aus der Staatskasse an das Abstimmungsverhalten der Bevölkerung. Dass das Geld nicht an die Wahlentscheidung des Einzelnen gebunden ist, sondern an das Gesamtergebnis, macht es rechtlich wohl wasserdicht. Politisch ist es der Versuch, eine Wahl zu kaufen, nur mit fremdem Geld.
OSZE-Wahlbeobachtung USA: Zum ersten Mal seit 2002 nicht eingeladen
Wenn das alles ohnehin legal ist, könnte man sagen: Dann sollen eben Beobachter hinschauen. Genau das passiert diesmal nicht. Am 23. September 2026 teilten das OSZE-Büro für demokratische Institutionen und Menschenrechte (ODIHR) und die Parlamentarische Versammlung der OSZE in einer gemeinsamen Pressemitteilung mit, dass die USA sie nicht zur Beobachtung der Midterms eingeladen haben. Seit 2002 hat die OSZE zwölf US-Bundeswahlen beobachtet, darunter sechs Midterms; dies sind die ersten Bundeswahlen seitdem ohne Einladung. Die OSZE weist darauf hin, dass alle Teilnehmerstaaten sich im Kopenhagener Dokument von 1990 verpflichtet haben, Beobachter einzuladen. ODIHR-Direktorin Maria Telalian formuliert es diplomatisch: Beobachtung sei „kein Urteil über ein Land oder seine Institutionen“.
Eine Begründung der US-Regierung gibt es nicht, zumindest keine öffentliche. Die Stellungnahme der OSZE nennt keine. Senatorin Jeanne Shaheen, ranghöchste Demokratin im Auswärtigen Ausschuss des Senats, nannte die Entscheidung in einer Erklärung „zutiefst gegen den Geist von Freiheit, Demokratie und Transparenz“. Eine Spur gibt es immerhin: Schon 2024 hatten laut The Fulcrum mehrere Wahlbeamte in Bundesstaaten Treffen mit ODIHR-Beobachtern verweigert, mit Verweis auf angebliche ausländische Einmischung.
Ich finde das die beunruhigendste Nachricht in diesem ganzen Artikel, beunruhigender als Musks Millionen. Ein Land, das anderen Staaten seit Jahrzehnten Wahlbeobachter schickt und das Nichteinladen von Beobachtern bei Russland als Zeichen autoritärer Abschottung wertet, lädt plötzlich selbst niemanden mehr ein. Das ist keine Formsache. Das ist eine Botschaft.
Electoral College Kritik: Mehrheit der Stimmen, trotzdem verloren
Viele Leser denken beim Stichwort „undemokratisches US-Wahlsystem“ zuerst an die Wahlmänner. Das stimmt, aber es gehört an die richtige Stelle: Das Electoral College betrifft nur die Präsidentschaftswahl. Bei den Midterms gibt es keine Wahlmänner. Abgeordnete werden direkt in ihrem Wahlkreis gewählt, Senatoren direkt in ihrem Staat.
Trotzdem gehört die Kritik hierher, weil sie dasselbe Muster zeigt. Fünfmal in der US-Geschichte, 1824, 1876, 1888, 2000 und 2016, hat der Kandidat das Weiße Haus gewonnen, der weniger Stimmen hatte als sein Gegner. 2016 lag Trump 2,8 Millionen Stimmen hinter Hillary Clinton und gewann das Electoral College mit 304 zu 227. Das Prinzip „Mehrheit der Stimmen, trotzdem verloren“ gibt es bei den Midterms in anderer Form: durch die Wahlkreisgrenzen, siehe oben, und durch den Senat, in dem Wyoming mit knapp 600.000 Einwohnern genauso zwei Senatoren stellt wie Kalifornien mit fast 40 Millionen. Beides ist von der Verfassung so gewollt. Beides sorgt dafür, dass das Wahlergebnis und der Wählerwille nicht dasselbe sind.
Impeachment Trump: Warum die Republikaner Angst vor dieser Wahl haben
Was passiert, wenn die Demokraten das Repräsentantenhaus gewinnen? Die Republikaner sagen es selbst. Speaker Mike Johnson prognostizierte laut The Hill Anfang Oktober, eine demokratische Mehrheit werde Trump „sofort“ anklagen, und verwies darauf, dass Demokraten bereits in diesem Kongress Impeachment-Artikel eingereicht haben. Trump selbst sagte im Januar vor republikanischen Abgeordneten, wenn man die Midterms verliere, „werden sie einen Grund finden, mich anzuklagen“. Am 12. Oktober in Youngstown, Ohio, ging er laut einem Faktencheck von MEAWW weiter: Er werde „der letzte republikanische Präsident in der Geschichte unseres Landes“ sein, falls die Demokraten gewännen.
Fairerweise muss man sagen: Die Demokraten sind sich uneins. Laut Axios halten sie Trumps Handlungen zwar für anklagewürdig, streiten aber darüber, ob sie es versuchen sollten. Fraktionschef Hakeem Jeffries sagt, man habe „nichts ein- und nichts ausgeschlossen“, Jim Clyburn will lieber über Lebenshaltungskosten reden, und Sherrod Brown, der in Ohio um seine Rückkehr in den Senat kämpft, hat angekündigt, ein drittes Impeachment nicht zu unterstützen. Pete Aguilar, Vorsitzender der demokratischen Fraktion, nennt die Impeachment-Debatte eine republikanische Angstkampagne, um die eigene Basis zu mobilisieren.
Mein Eindruck: Johnson hat recht, dass es Demokraten gibt, die sofort loslegen würden. Aguilar hat recht, dass die Führung das nicht will, weil 2019 und 2021 gezeigt haben, dass ein Impeachment ohne Verurteilung im Senat vor allem die Gegenseite mobilisiert. Was auf jeden Fall kommt, sind Untersuchungsausschüsse mit Vorladungsrecht. Und davor hat das Weiße Haus mehr Angst als vor dem Wort Impeachment.
Das teuerste Ping-Pong-System der Welt
Und damit zu meiner eigentlichen These. Die USA haben ein politisches System gebaut, in dem jede Wahl das Spiel komplett zurücksetzt. Trump widerrief am ersten Tag seiner zweiten Amtszeit 78 Executive Actions der Biden-Regierung, von Klimaschutz über Diversitätsprogramme bis zu Medicaid-Regeln. Im März 2025 folgten 19 weitere, und das Weiße Haus brüstete sich in einem Fact Sheet damit, in zwei Monaten mehr Anordnungen aufgehoben zu haben, als Biden in seinem ganzen ersten Jahr unterzeichnet hatte. Biden hatte 2021 seinerseits Trumps Anordnungen zu Einwanderung und Deregulierung am ersten Tag kassiert.
Das ist das Muster. Eine Seite gewinnt, macht rückgängig, was die andere gebaut hat, setzt ihre eigenen Werte per Dekret durch, und bei der nächsten Wahl beginnt der Kreis von vorn. Dazwischen liegen zwei Jahre, in denen Milliarden in Fernsehspots fließen, Wahlkreise umgezeichnet werden und ein Präsident Geldgeschenke an das Wahlergebnis koppelt. Ein Unternehmen, das so geführt würde, hätte keine Planungssicherheit. Ein Verbündeter, der sich auf so ein Land verlassen muss, hat sie auch nicht.
Die Gegenposition will ich nicht unterschlagen. Verteidiger des Systems sagen: Geld ist Meinungsäußerung, und wer Werbung begrenzt, begrenzt Rede. Das war die Mehrheitsmeinung des Supreme Court in Citizens United, und sie ist in den USA geltendes Recht. Sie sagen außerdem, dass die enge Mehrheit und die vielen umkämpften Rennen zeigen, dass das System lebt: Wenn Musk 276 Millionen braucht, um Texas zu halten, dann ist Texas offenbar nicht gekauft, sondern umkämpft. Und sie sagen, dass die Prognosen den Demokraten trotz aller Milliarden einen klaren Sieg im Repräsentantenhaus voraussagen, das Geld also nicht alles entscheidet.
Das letzte Argument ist das stärkste, und ich nehme es ernst. Aber es beantwortet die falsche Frage. Die Frage ist nicht, ob die reichere Seite immer gewinnt. Die Frage ist, ob ein Kandidat ohne Milliardär im Rücken überhaupt noch antreten kann, und ob eine Politik, die alle zwei Jahre komplett kippt, irgendetwas dauerhaft lösen kann. Auf beides lautet meine Antwort: nein. Das ist nicht zukunftsfähig, und es ist nicht das, was ich unter einer demokratischen Wahl verstehe, egal wer am 3. November gewinnt.
Fazit
Die US-Midterms 2026 entscheiden, ob Trump zwei weitere Jahre ohne parlamentarische Kontrolle regiert oder ob ein demokratisches Repräsentantenhaus Untersuchungsausschüsse einsetzt und möglicherweise ein drittes Impeachment anstößt. Die Umfragen und Modelle sehen die Demokraten im Haus klar vorn, im Senat liegt es auf der Kante, und Texas ist das Rennen, das alles verschieben kann. Gleichzeitig ist diese Wahl ein Lehrstück dafür, was passiert, wenn man Wahlkreise frei umzeichnen darf, Spenden nicht begrenzt, Beobachter nicht einlädt und ein Präsident Schecks an das Ergebnis koppelt.
Wenn Sie in Deutschland etwas davon mitnehmen wollen, dann vielleicht das: Die Debatte über Parteienfinanzierung, Wahlkreiszuschnitte und Wahlbeobachtung ist keine amerikanische Spezialität. Wer die Wahlrechtsreform des Bundestags, die Diskussion um Großspenden an deutsche Parteien oder die Rolle der OSZE bei der nächsten Bundestagswahl verfolgt, sieht dieselben Fragen in kleinerer Dosis. Schauen Sie am 3. November hin, aber nicht nur wegen Trump. Schauen Sie hin, um zu sehen, wie ein Wahlsystem aussieht, wenn man es über Jahrzehnte nicht pflegt. Und dann schreiben Sie Ihrem Abgeordneten, bevor es hier so weit kommt.
Quellen:
- OSZE/ODIHR und OSZE-PV: Pressemitteilung zur fehlenden Einladung (23.09.2026)
- Senate Foreign Relations Committee: Statement Shaheen zur OSZE (06.10.2026)
- White House Fact Sheet via UCSB American Presidency Project (14.03.2025)
- Ballotpedia: United States Congress elections, 2026 (Stand Oktober 2026)
- Ballotpedia: State executive official elections, 2026
- Ballotpedia: Redistricting ahead of the 2026 elections
- Decision Desk HQ: 2026 Midterm Forecast (16.10.2026)
- Poliwave: 2026 midterm forecast (17.10.2026)
- Political Science Now: Forecasting the 2026 US Midterms (15.10.2026)
- Election Central: 2026 Governor Elections, Cook-Ratings (16.10.2026)
- The Hill: Musk throws $276M behind Republicans (13.10.2026)
- The Hill: Musk bankrolls PAC spending big on Paxton (16.10.2026)
- CNN: Musk contributed more than $150 million to bolster GOP in Texas (16.10.2026)
- CNBC: 5 midterm money takeaways (16.10.2026)
- CNBC: Trump’s $1 trillion-plus dividend plan (10.09.2026)
- NPR: Trump promises $5,000 dividend in convention speech (09.09.2026)
- WSHU/Wesleyan Media Project: Record political ad spending (21.09.2026)
- USAFacts: Candidate spending 2026 midterm (Oktober 2026)
- Public Citizen: Corporate super PAC spending (September 2026)
- Brennan Center: Citizens United, Explained
- Voting Rights Lab: Mid-Decade Redistricting (August 2026)
- Stateline: The redistricting frenzy (15.05.2026)
- Axios: Democrats weigh another Trump impeachment (09.10.2026)
- The Hill: Johnson predicts Democratic majority will impeach Trump (07.10.2026)
- The Hill: Sherrod Brown won’t support impeachment (14.10.2026)
- NBC News: Clyburn on impeachment (30.08.2026)
- Fox News: Trump warns Democrats will „find something“ to impeach him (2026)
- Forbes: Trump approval at record low 32% (06.10.2026)
- Wikipedia: Opinion polling on the second Trump presidency (Stand 08.10.2026)
- uspollingdata.com: Generic Ballot (Stand 17.10.2026)
- Wikipedia: Presidential elections in which the winner lost the popular vote
- The Fulcrum: The New Fight Over Election Observation (Juli 2026)
- MEAWW Fact Check: „last Republican president“ (Oktober 2026)
