Am Freitagabend, dem 16. Oktober 2026, hat Donald Trump per Dekret die Russland-Sanktionen ausgesetzt, die er selbst vier Wochen zuvor unterschrieben hatte. Zwei Tage bevor sie in Kraft getreten wären. Eine Woche nachdem er mit Wladimir Putin einen Diesel-Deal ausgehandelt hatte. Und wenige Tage nachdem er dem ukrainischen Präsidenten nahegelegt hatte, doch bitte zurückzutreten.
Das ist die Nachricht. Alles andere in diesem Artikel ist Einordnung und, ab einem klar markierten Punkt, meine Meinung. Die fällt deutlich aus, und zwar nicht nur gegenüber Washington. Vorher die Fakten, weil die schon für sich sprechen. Und vorher die Zahlen, weil die zeigen, dass Putin diesen Krieg gerade nicht aus einer Position der Stärke führt, sondern aus einer, in der ihm der Westen die Stärke schenkt.

Was Trump am 16. Oktober unterschrieben hat
Das Gesetz heißt vollständig Lindsey O. Graham Sanctioning Russia and Iran Act of 2026. Trump hat es am 18. September unterzeichnet, nachdem es im Kongress eine parteiübergreifende Mehrheit bekommen hatte. Es trägt den Namen des im Juli gestorbenen Senators Lindsey Graham. Vorgesehen waren Zölle von 500 Prozent auf russische Waren und Zölle von 100 Prozent auf Importe aus den fünf größten Abnehmern russischen Öls und Gases, also vor allem China, Indien und der Türkei.
Das Gesetz hatte einen Haken: Die Maßnahmen greifen 30 Tage nach Unterzeichnung automatisch, es sei denn, der Präsident bescheinigt dem Kongress, dass eine Aussetzung im nationalen Interesse liegt. Genau das hat Trump getan. CBS News zufolge setzte er die 500-Prozent-Zölle, die Sekundärzölle und weitere Sanktionsbestimmungen aus. Eine Begründung, worin das nationale Interesse besteht, enthält das Dekret laut CNN nicht. Ein Enddatum auch nicht. ABC News formuliert es so, dass das Gesetz damit faktisch neutralisiert ist.
Der Kreml hat sich bedankt. Putins Wirtschaftsbeauftragter Kirill Dmitrijew nannte die Aussetzung am Samstag einen „wichtigen und wahrhaft historischen Moment“. Am selben Tag griffen russische Truppen Cherson an, ein Toter, 22 Verletzte.
Der Diesel-Deal mit Putin: die Vorgeschichte
Die Aussetzung ist der Schlussstein einer Woche, die am 9. Oktober begann. An diesem Freitag verkündete Trump auf Truth Social, er habe mit Putin telefoniert und vereinbart, dass Russland sofort über 300.000 Tonnen Diesel liefert, weitere 500.000 Tonnen im November und danach eine Million Tonnen. Dafür wurden bestehende Sanktionen auf russische Kraftstoffe vorübergehend aufgehoben.
Der Hintergrund ist innenpolitisch. Seit dem Beginn des Iran-Kriegs im Februar sind die Dieselpreise in den USA um fast 70 Prozent gestiegen. Am 3. November sind Zwischenwahlen. Trumps Republikaner liegen zurück. Die Rechnung ist einfach: Billiger Sprit vor der Wahl, egal woher und egal, wer dafür bezahlt.
Starshield, Geheimdienst, Rücktrittsforderung: der Druck auf Kiew
Am 10. Oktober, einen Tag nach dem Deal, erklärte Trump, es sei Zeit für einen neuen ukrainischen Präsidenten. Selenskyj mache aus irgendeinem Grund nie einen Deal, sagte er laut CBS. Am selben Tag starben in Saporischschja 23 Menschen bei einem russischen Angriff, darunter vier Kinder. Trump hat dazu nichts gesagt. Zum Dieselpreis schon.
Am 11. Oktober verkündete Trump auf Truth Social eine „Energie-Waffenruhe“. Selenskyj erfuhr davon aus den Nachrichten. Noch am selben Tag traf Russland ein Kraftwerk in Charkiw. Die Ukraine hielt sich trotzdem drei Tage daran, Russland keinen einzigen.
Am 14. Oktober meldete das ukrainische Militär, dass Starshield, die militärische Variante von Starlink, gedrosselt wurde. Elon Musk wies die Verantwortung auf X zurück: Starshield gehöre der US-Regierung. Reuters berichtete, die Anordnung sei aus dem Weißen Haus gekommen. Parallel fehlten der Ukraine laut Selenskyj Warnungen vor ballistischen Raketen, die nur die USA liefern können. Die amerikanische Erklärung: technische Probleme.
Am 15. Oktober zog Selenskyj in der Financial Times den Schlussstrich. „Das war’s“, sagte er zur Energie-Waffenruhe und ordnete neue Angriffe auf russische Raffinerien an. Allein in der Woche davor habe Russland über 100 Ukrainer getötet. Auf die Frage, ob die Starshield-Drosselung ein Verrat sei, antwortete er laut LBC mit einem schlichten Ja.
Trumps Reaktion: Die ukrainischen Angriffe seien eine „Schande“. Der Umgang mit Selenskyj sei schwieriger als der mit Putin. Dem Sender Newsmax sagte er, Selenskyj sei „kein guter Mann“ zum Verhandeln. Einen Tag später kam das Dekret.
Was Putin in derselben Woche getan hat
Damit niemand den Überblick verliert, wer hier Krieg führt: Russland. Seit dem 24. Februar 2022, in einem Angriffskrieg, den die UN-Generalversammlung mit 141 zu 5 Stimmen als Verstoß gegen Artikel 2 Absatz 4 der UN-Charta verurteilt hat. Gegen den Mann, mit dem Trump Diesel handelt, liegt seit März 2023 ein Haftbefehl des Internationalen Strafgerichtshofs wegen der Verschleppung ukrainischer Kinder vor. Das ist keine Meinung. Das ist Aktenlage.
Während Trump sein Dekret unterschrieb, besuchte Putin am 16. Oktober einen Gefechtsstand und ordnete laut TASS an, die massiven Angriffe auf Rüstungsbetriebe und Logistikzentren fortzusetzen. Was Russland unter Logistikzentren versteht, konnte man in derselben Woche in Saporischschja, Charkiw und Cherson besichtigen. In der Woche vor dem Dekret hat Russland laut RFE/RL über 700 Drohnen sowie ballistische und Marschflugkörper auf ukrainische Städte und Kraftwerke abgefeuert.
Es gibt keine Verhandlung. Putin hat seine Position seit Dezember 2023 nicht geändert: Frieden gibt es, wenn Russland seine Ziele erreicht hat. Alles andere ist Dekoration für westliche Diplomaten, die gern an etwas glauben möchten.
Putins Problem: die Zahlen, die niemand in Berlin laut sagt
Putin redet mit mindestens drei Zungen, aber seine Depots reden nur mit einer. Ich habe die Verlustzahlen vergangene Woche in einem eigenen Beitrag aufgearbeitet; hier die Kurzfassung, Stand 17. Oktober 2026. Die Prozentwerte sind eigene Rechnungen: Verlust geteilt durch Vorkriegsbestand (aktiv plus Depot).
| Kategorie | Vorkriegsbestand | Verlust bildbelegt (Oryx) | Verlust laut Generalstab | Noch im Depot |
|---|---|---|---|---|
| Kampfpanzer | ca. 10.270 | 4.390 = 43 % | 12.415 = 121 % | 2.088, davon ca. 851 restaurierbar |
| Gepanzerte Fahrzeuge gesamt | ca. 30.150 | 9.558 = 32 % | 25.554 = 85 % | ca. 7.700 (Stand 10/2025) |
| Artillerie inkl. Raketenwerfer | ca. 25.700 | nicht geprüft | 51.266 + 2.221 = 208 % | 9.119 (Stand 10/2025) |
| Kampfflugzeuge | 900 bis 1.000 | 184 = ca. 19 % | 443 = ca. 47 % | kein Depot, Neubau 30 bis 35 pro Jahr |
| Schwarzmeerflotte | 74 Kampfeinheiten | 33 = 45 % | 37 = 50 % | – |
Die Generalstabswerte liegen bei Panzern und Artillerie über 100 Prozent, weil auch reparierte Systeme, Neubau und nordkoreanische Lieferungen mitgezählt werden; Oryx zählt nur, was per Bild belegt ist, und ist damit die Untergrenze. Die Wahrheit liegt dazwischen. Entscheidend ist die letzte Spalte: Von den 7.342 Panzern, die vor dem Krieg in den sowjetischen Freilagern standen, sind laut Satellitenanalyse vom Juni 2026 noch 2.088 übrig, und davon lassen sich 851 überhaupt noch instand setzen. Rund drei Viertel der Reserve sind weg. Bei Schützenpanzern lag der Depotrest schon im Oktober 2025 bei 16 Prozent. Die T-80-Reserve ist praktisch aufgebraucht. Das Erbe der Sowjetunion, aufgebaut für den Krieg gegen die NATO, ist in viereinhalb Jahren Ukraine verheizt worden.
Beim Personal sieht es nicht besser aus. Der ukrainische Generalstab meldet zum 17. Oktober 1.562.970 getötete und verwundete russische Soldaten. Das klingt nach Propaganda, ist es aber nicht: Westliche Schätzungen liegen laut Russia Matters bei rund 1,4 Millionen bis Juni 2026 (CSIS), davon 450.000 bis 500.000 Tote. Mediazona und BBC haben bis 9. Oktober rund 276.000 Tote namentlich bestätigt, bewusst als Untergrenze. Russlands Sollstärke vor dem Krieg lag bei einer Million Soldaten, die Invasionsstreitmacht 2022 bei rund 190.000. Die Gesamtverluste entsprechen dem Achtfachen der Truppe, mit der Putin einmarschiert ist.
Trotzdem stehen laut Oberbefehlshaber Syrskyj 721.300 russische Soldaten in der Ukraine, Stand Ende Juni. Das geht nur, weil Russland pro Jahr über 400.000 Zeitsoldaten rekrutiert und Häftlinge an die Front schickt. Aber die Kurve kippt: 2026 verliert Russland 30.000 bis 35.000 Mann im Monat, rekrutiert aber nur noch rund 27.000; die Vertragsrekrutierung ist im Frühjahr um ein Drittel eingebrochen. Zum ersten Mal verliert Putin mehr Menschen, als er nachkaufen kann. Es ist ihm egal. Seine Bevölkerung ist für ihn Verbrauchsmaterial, und sie hat keine Stimme, mit der sie widersprechen könnte.
Nur eine Waffengattung ist intakt: die Luftwaffe. 443 verlorene Kampfflugzeuge nach Generalstab, 184 nach Oryx, bei einem Bestand von 900 bis 1.000. Das liegt nicht an russischer Genialität, sondern daran, dass niemand der Ukraine je die Mittel geliefert hat, die russische Luftwaffe ernsthaft zu bekämpfen. Die F-16 kamen spät und in kleiner Zahl.
Das ist die Lage, in die hinein Trump Diesel kauft, Sanktionen aussetzt und Selenskyj zum Rücktritt auffordert. Putin hat ein Problem, und der Westen löst es ihm.
Wer der Ukraine die Patriots gegeben hat
Trump wiederholt gern, die USA hätten die Ukraine mit Patriot-Systemen ausgestattet. Die Hälfte davon stimmt. Die ersten Patriots kamen im April 2023 aus Deutschland. Bis Mitte 2025 hatten die USA unter Biden drei Batterien geliefert, Deutschland ebenfalls drei, dazu Rumänien eine und Deutschland und die Niederlande gemeinsam eine. Alles, was seit Trumps Deal vom Juli 2025 kommt, bezahlen die Europäer; Rutte bestätigte damals, dass Europa zu 100 Prozent zahlt. Trump behauptete im Juli 2025, die Systeme würden „bereits verschifft“; laut Spiegel kam das erste nicht vor Frühjahr 2026. Deutschland hat laut Pistorius mehr als ein Drittel seiner Patriot-Fähigkeiten abgegeben und kauft jetzt Ersatz, Lieferung bis 2028.
Die USA liefern also seit über einem Jahr nichts mehr auf eigene Rechnung. Sie verkaufen. Und sie behalten die Fernbedienung: Starshield und Geheimdienstdaten.
Warum die Ukraine Raffinerien und Rechenzentren trifft
Die Ukraine hat getan, was ein angegriffenes Land tun muss, wenn es keine Luftabwehr geschenkt bekommt: Sie hat die Kriegskasse angegriffen. Raffinerien, weil Öl den Krieg bezahlt. Und, neu seit dem 8. Oktober, die Rechenzentren von Yandex in Sasowo, Kaluga und Wladimir. Yandex ist laut Reuters Russlands führendes KI- und Technologieunternehmen; in Sasowo standen zwei der drei Supercomputer für sein KI-Modell. Der Ausfall traf laut Kyiv Post auch die Russische Eisenbahn, den Mobilfunker MegaFon und mehrere russische Medien.
Selenskyj nannte das eine spiegelbildliche Antwort auf russische Angriffe auf ukrainische Rechenzentren seit Ende September. Russland bombardiert ukrainische Serverräume, die Ukraine trifft russische. Russland bombardiert ukrainische Kraftwerke, die Ukraine trifft russische Raffinerien. Der Unterschied: Die Ukraine trifft Infrastruktur, Russland trifft Wohnhäuser. Und genau dafür nennt Trump Selenskyj eine Schande.
Der Krieg mit Europa läuft bereits
Polen hat Artikel 4 des NATO-Vertrags erstmals am 3. März 2014 ausgelöst, wegen der Krim. Das Tor ist seitdem offen. Im September 2025 drangen 19 russische Drohnen in polnischen Luftraum ein, Polen und die Niederlande schossen sie ab, Tusk sprach vom größten Risiko eines offenen Konflikts seit 1945 und rief erneut Artikel 4 an, Estland ebenfalls nach Verletzungen durch Kampfjets.
Am 12. Oktober 2026, mitten in der Trump-Woche, forderte der polnische Außenminister Radosław Sikorski in der Financial Times, die NATO müsse sich auf tödliche hybride Angriffe Russlands vorbereiten. Bisher sei es bei Sachschäden geblieben; wenn Menschen stürben, brauche das Bündnis ein ganz anderes Gespräch. Er räumte ein, dass die NATO bis heute keine Schwelle definiert hat, ab der sie reagiert. Rutte sagte laut Liga.net, man prüfe Optionen, auch nicht öffentliche.
Man prüfe Optionen. Zwölf Jahre nach der Krim, vier Jahre nach dem Einmarsch, dreizehn Monate nach Drohnen über Polen. Putin probt derweil aus, wie weit er gehen kann, und die Antwort, die er bekommt, lautet jedes Mal: ein Stück weiter.
Angst, Atomdrohungen und ein Bündnis, das sich selbst vernachlässigt hat
Warum reagiert Europa so? Weil es Angst hat, und die Angst hat zwei Quellen.
Die erste ist selbstverschuldet. Als Russland 2014 die Krim annektierte, erfüllten nur drei NATO-Staaten das 2-Prozent-Ziel: die USA, Großbritannien und Griechenland. Beim Einmarsch 2022 waren es sieben von dreißig. Erst 2024 schafften es 22 von 32, erst 2025 alle. Acht Jahre nach der Krim hatten zwei Drittel des Bündnisses ihre eigene Zusage ignoriert. Im Juni 2025 beschloss die NATO in Den Haag ein 5-Prozent-Ziel bis 2035, und Rutte sagte dazu selbst, Abschreckung komme nicht von fünf Prozent, sondern von Fähigkeiten. Die Fähigkeiten, die man drei Jahrzehnte lang abgebaut hat, lassen sich nicht in drei Jahren zurückkaufen. Deshalb kann Europa Starlink nicht ersetzen, deshalb fehlen Patriots, deshalb ist jede Drohne über Polen eine Krise statt ein Routinevorgang.
Die zweite Quelle ist Moskau, und sie funktioniert, weil die erste existiert. Im Februar 2026 drohte Dmitri Medwedew Kiew, Paris und London mit einem Atomschlag, gestützt auf eine Behauptung des russischen Auslandsgeheimdienstes, für die es keine Belege gab. Ende April sprach er von einer „nuklearen Apokalypse“, worauf Verteidigungsminister Beloussow öffentlich zurückruderte: Russland erwäge keinen Atomwaffeneinsatz in der Ukraine. Das ist das Muster seit 2022: Medwedew droht, der Kreml dementiert, Europa zuckt. Die Wahrscheinlichkeit, dass Putin tatsächlich eine Atomwaffe einsetzt, ist nicht null. Sie ist aber nach allem, was man seit viereinhalb Jahren beobachten kann, nicht hoch; er hat jede rote Linie, die der Westen überschritten hat, hingenommen. Die Drohung ist keine Ankündigung. Sie ist ein Werkzeug, und es funktioniert nur, solange der Westen beim ersten Brummen die Hände hebt.
Und jetzt zur spannenderen Frage. Trump hat sein Bündnis in dieser Woche effektiv verraten. Springt er auch noch ganz auf Putins Seite? Die Washington Post schrieb schon am 9. Oktober, der Deal richte die USA an der Seite Russlands aus. Der CFR-Analyst Stephen Sestanovich sieht eine grundlegende Verschiebung: Trump behandle Selenskyj als das einzige Hindernis und Putin als den, der Frieden will; Druck übe er nur noch auf Kiew aus. Die Indizien einer Woche: Diesel gekauft, Sanktionen ausgesetzt, Starshield gedrosselt, Raketenwarnungen gestoppt, Rücktritt gefordert, ein Abkommen „nur ohne Selenskyj“ in Aussicht gestellt. Ob das nach dem 3. November weitergeht, weiß ich nicht. Sestanovich sagt, Trump könne zurückrudern, hält es aber für möglich, dass er eine Wasserscheide überschritten hat. Ich halte die Frage, ob Trump die Seite wechselt, inzwischen für falsch gestellt. Man muss nicht mehr springen, wenn man schon drüben steht.
Die Reaktion aus Berlin: Merz, Wadephul und die Kunst des Zur-Kenntnis-Nehmens
Friedrich Merz hat sich bisher einmal deutlich positioniert, am 12. Oktober zum Diesel-Deal. Die Bundesregierung nehme die Vereinbarung zur Kenntnis. Dann: „Für Deutschland und für Europa kommt eine solche Entscheidung nicht infrage.“ Russland verhandle nur unter Druck. Beim EU-Gipfel am 16. Oktober warb er dafür, die Mittel für die Ukraine aufzustocken, ohne Größenordnung. Zum Dekret vom Freitagabend liegt mir bis Samstagmittag keine Äußerung vor.
Außenminister Johann Wadephul lieferte am Freitag die Einordnung, die man in Berlin für klug hält: Trumps Attacken seien der Schlussphase des US-Wahlkampfs geschuldet. Man solle auf den Kern dessen schauen, was die USA leisten. Der FAZ sagte er, auch seine eigene Partei könne offensiver für die Ukraine werben. Dass er das sagen muss, sagt alles.
EU-Gipfel: „bedauern“ als Kampfbegriff
In Brüssel haben die Staats- und Regierungschefs in ihre Schlussfolgerungen geschrieben, dass sie das Abkommen zwischen Trump und Putin „bedauern“. Im EU-Jargon ist das eine Missbilligung. Für Außenstehende klingt es nach verregnetem Betriebsausflug.
Ratspräsident António Costa sagte laut Tageblatt, dies sei nicht die Zeit, Sanktionen aufzuheben. Kaja Kallas nannte die Zusammenarbeit mit den USA „very difficult“ und räumte ein, dass Europa Starlink kurzfristig nicht ersetzen kann. Die EU bereitet das 22. Sanktionspaket vor. Selenskyj bezifferte den Finanzbedarf für 2027 auf mindestens 70 Milliarden Euro zusätzlich. Die dpa fasste den Gipfel so zusammen, dass die EU auf direkte Kritik an Trump weitgehend verzichtete.
Internationale Presse und Kongress: Verrat, Versagen, Vertragsbruch
Der rauere Ton kommt aus Washington selbst. Sechs Senatoren beider Parteien, darunter Collins, Murkowski, Tillis, Curtis, Shaheen und Blumenthal, forderten am 11. Oktober, den Deal sofort rückgängig zu machen. Am 13. Oktober folgte ein Brief von zwölf Senatoren des Auswärtigen Ausschusses, darunter Mitch McConnell; sie nannten die Sanktionsaufhebung laut CBS einen Verrat am ukrainischen Volk. Elizabeth Warren sprach von einem Führungsversagen. Sestanovich hält den Deal zudem für wahrscheinlich rechtswidrig, weil er gegen das Ölimportverbot von 2022 verstoße. Ex-NATO-Oberbefehlshaber Breedlove warnte bei Fox News, der Deal finanziere Putins Krieg.
Und die NATO? Der Elefant im Bündnis
Formal passiert nichts, die Ukraine ist kein Mitglied. Das Problem liegt tiefer: Ein Bündnis lebt von der Erwartung, dass der stärkste Partner nicht mit dem Gegner Geschäfte macht, während die anderen auf seine Bitte hin Sanktionen tragen.
Am 13. September 2025 schrieb Trump einen offenen Brief an alle NATO-Staaten: Er sei zu großen Sanktionen bereit, sobald alle aufhörten, russisches Öl zu kaufen. „STOP BUYING OIL FROM RUSSIA“, in Großbuchstaben. Dreizehn Monate später kauft er selbst russischen Diesel. Man muss das nicht kommentieren. Man muss es nur nebeneinanderlegen.
Und die NATO? Sestanovich hält fest, dass selbst Rutte, der Trump-Flüsterer, wenig gesagt habe. Nach dem Alaska-Gipfel 2025 waren die Europäer geschlossen ins Weiße Haus gereist. Diesmal gibt es Bedauern.
Die Gegenposition: Was Trump verteidigt
Der Fairness halber. Trump sagt, er habe die richtige Entscheidung getroffen, weil sie den Amerikanern billigeren Diesel bringe. Die Ausnahmeklausel steht im Gesetz; Graham hatte sie ausdrücklich eingebaut. Sekundärzölle gegen China und Indien hätten einen Handelskrieg ausgelöst. Und Trumps Deutung ist in sich schlüssig: Wenn der Krieg die Energiepreise treibt, ist derjenige das Problem, der Raffinerien angreift.
Sie hat zwei Löcher. Der Preissprung kommt aus dem Iran-Krieg, den Trump selbst begonnen hat. Und die Ukraine hat eine einzige Raffinerie, Russland Dutzende. Eine „Energie-Waffenruhe“ ist deshalb kein Deal, sondern ein einseitiger Verzicht Kiews auf seine wirksamste Waffe. Dass Russland in derselben Woche weiter Kraftwerke bombardierte, macht das Argument nicht besser. Es macht es zur Farce.
Vom roten Bären zum Teddybär
Ab hier Meinung.
Ich bin in einer Welt aufgewachsen, in der Russland der Gegner war, gegen den die NATO gegründet wurde. Der rote Bär. Das war keine Metapher, das war Verteidigungsplanung. Jetzt sitzt im Weißen Haus ein Präsident, der diesen Bären knuddelt, ihm Diesel abkauft, seine Einnahmen sichert und seinem Sondergesandten die Gelegenheit gibt, von einem historischen Moment zu schwärmen. Der Teddybär ist angekommen. Dass er nebenbei Kinder verschleppt und Wohnblocks in Schutt legt, stört beim Kuscheln offenbar nicht.
Was mich mehr ärgert als Trump, ist Europa. Trump tut, was Trump tut. Das Problem ist, dass Bundesregierung, EU und NATO sich am Nasenring durch die Manege führen lassen und dankbar nicken. Merz „nimmt zur Kenntnis“. Die EU „bedauert“. Wadephul erklärt, das sei Wahlkampf. Rutte prüft Optionen. Das ist nicht Diplomatie. Das ist die Körperhaltung eines Partners, der weiß, dass er erpressbar ist, und hofft, dass es keiner merkt. Alle haben es gemerkt. Vor allem Putin.
Und das Absurde daran: Putin ist schwach. Nicht rhetorisch, da ist er stark wie immer, und Medwedew brüllt dazu die Apokalypse. Materiell. Drei Viertel seiner Panzerreserve sind weg. Seine Schützenpanzerdepots sind zu 84 Prozent leer. Er verliert monatlich mehr Soldaten, als er rekrutieren kann. Der Winter kommt, und er muss ihn mit Gerät aus den Fünfzigerjahren und Rekruten aus Gefängnissen bestreiten. Das ist der Moment, in dem man den Druck erhöht, nicht lockert. Stattdessen setzt Trump die Sanktionen aus, und Europa wirft das 22. Paket hinterher, das wie die 21 davor umgangen werden wird, und nennt das Entschlossenheit. Putin versteht genau eine Sprache, und es ist weder Zurückhaltung noch Diplomatie. Es ist die Sprache, die ihm die Ukraine seit dem 8. Oktober beibringt: brennende Raffinerien und abgeschaltete Rechenzentren.
Die Angst vor der Atombombe ist dabei der bequemste Vorwand, den Europa je hatte. Sie erlaubt, nichts zu tun und das Nichtstun Verantwortung zu nennen. Nur: Wer dreißig Jahre lang seine Armeen abgewickelt hat, hat keine andere Antwort als Angst, und genau dafür hat Moskau Medwedew. Ein Bündnis, das seine eigenen Zusagen von 2014 acht Jahre lang ignoriert hat, muss sich nicht wundern, wenn es 2026 bei jedem Brummen aus dem Kreml zusammenzuckt.
Denn der Krieg zwischen Russland und Europa läuft längst. Drohnen über Polen, Kampfjets über Estland, Sabotage, Artikel 4 im Dreimonatstakt. Es fehlen nur noch die ersten Toten, und Sikorski hat diese Woche gesagt, dass er sie erwartet. Die NATO hat darauf bis heute keine definierte Antwort. Sie hat Bedauern, und sie hat Prüfaufträge. Und sie hat seit dieser Woche einen Anführer, der mit dem Gegner Diesel handelt und der Ukraine die Satellitenverbindung abdreht, um sie zur Kapitulation zu nötigen. Wer da noch fragt, ob Trump auf Putins Seite wechselt, hat den Wechsel verschlafen.
Die Ukraine hat in dieser Woche das einzig Richtige getan. Sie hat aufgehört, auf eine Waffenruhe zu warten, an die sich nur sie hält, und hat getroffen, was den Krieg bezahlt und steuert. Das ist Selbstverteidigung nach Artikel 51 der UN-Charta, und es ist das Einzige, was in dieser Woche messbar Druck auf Moskau ausgeübt hat. Nicht die EU, nicht die NATO, nicht die Bundesregierung. Ein paar Drohnen aus Kiew. Und die Patriots, mit denen sie sich dabei schützt, hat zum größten Teil Europa bezahlt, auch wenn Trump das jedes Mal anders erzählt.
Der eigentliche Verrat liegt in der Abfolge. Erst die Verbündeten zu Sanktionen drängen, dann selbst kaufen. Erst die Ukraine zur Waffenruhe zwingen, dann Russland nicht. Erst Geheimdienstdaten liefern, dann abschalten, um Gehorsam zu erzwingen. Das ist kein Partner, der anders entscheidet. Das ist ein Partner, der die Seite gewechselt hat. Und Europa tut so, als hätte er sich nur verlaufen.
Fazit
Trump hat am 16. Oktober ein Gesetz ausgesetzt, das er selbst unterschrieben hatte, nachdem er eine Woche lang mit Putin Diesel gehandelt, Selenskyj zum Rücktritt aufgefordert und der Ukraine die Satellitenverbindung gedrosselt hatte. Er tut das in dem Moment, in dem Russland militärisch so verwundbar ist wie nie seit 2022: Depots leer, Verluste über der Rekrutierung, Winter vor der Tür. Der Kreml nennt das historisch, der US-Kongress nennt es Verrat, die EU nennt es bedauerlich, die Bundesregierung nennt es Wahlkampf, und die NATO prüft Optionen.
Was Sie tun können: Schreiben Sie Ihrem Bundestagsabgeordneten und fragen Sie, warum die Bundesregierung zu einem Sanktionsstopp, der die gemeinsame Russlandpolitik unterläuft, bis Samstagmittag keine Stellungnahme hatte, und warum zu 23 Toten in Saporischschja auch keine. Wadephul hat selbst gesagt, seine Partei könne offensiver werben. Nehmen Sie ihn beim Wort. Höflich sein hat in viereinhalb Jahren niemanden gerettet.
Quellen:
- ZDFheute – Trump setzt geplante Sanktionen gegen Russland aus (17.10.2026),
- CBS News – Trump waives tariffs on largest buyers of Russian oil (17.10.2026),
- CNN – Trump waives Russia-related sanctions (16.10.2026),
- ABC News – Trump signs order waiving Graham Act sanctions (16.10.2026),
- NBC News – Trump waives new Russia sanctions (16.10.2026),
- RFE/RL – Trump Waives Graham Act Sanctions (17.10.2026),
- Brussels Morning – Russia Sanctions Waiver Sparks EU Concerns (17.10.2026),
- TASS – Putin calls for continuing strikes (16.10.2026),
- UN-Generalversammlung – Resolution A/RES/ES-11/1 (02.03.2022),
- IStGH – Haftbefehle gegen Putin und Lwowa-Belowa (17.03.2023),
- Reuters/Malay Mail – Putin: Krieg geht weiter bis Ziele erreicht (14.12.2023),
- Axios – Trump announces diesel deal with Putin (09.10.2026),
- CBS News – Energy ceasefire, Trump fordert neuen Präsidenten (11.10.2026),
- Tagesspiegel – Selenskyj beendet Trumps Waffenruhe (16.10.2026),
- Novaya Gazeta Europe – Ukraine to restart strikes (15.10.2026),
- LBC – Zelenskyy says US betrayed Ukraine (15.10.2026),
- Reuters/The Star – Yandex second data centre hit (09.10.2026),
- Al Jazeera – Ukraine takes aim at Russia’s AI data infrastructure (09.10.2026),
- Kyiv Post – Yandex Kaluga strike (09.10.2026),
- Focus – Merz geht auf Distanz zu Trump (12.10.2026),
- dpa/onvista – Wadephul: Trump-Attacken Wahlkampf geschuldet (16.10.2026),
- Handelsblatt – Merz will Mittel aufstocken (16.10.2026),
- Handelsblatt – Selenskyj fordert 70 Milliarden Euro (16.10.2026),
- WirtschaftsWoche – EU-Gipfel bedauert Diesel-Deal (16.10.2026),
- Tageblatt – Die Ukraine braucht weitere Hilfe (16.10.2026),
- Euronews – EU-Gipfel Liveblog (16.10.2026),
- CFR – Sestanovich: Diesel Deal Was Just the Start (15.10.2026),
- Washington Post – Trump announces diesel deal (09.10.2026),
- CNBC – Trump defends diesel deal (12.10.2026),
- Fox News – Breedlove warns (11.10.2026),
- ORF – Selenskyj bietet Trump die Stirn (15.10.2026),
- NPR – Trump tells NATO members to move first (13.09.2025),
- Euronews – NATO leaders call on Trump to reverse oil sanctions suspension (13.03.2026),
- AFP/Yahoo – Russia hails Trump waiving sanctions (17.10.2026),
- Ukrainska Pravda – Graham on waiver clause (2025).
