Digitales Entwicklungsland? Warum wir ein gesetzliches Recht auf Glasfaser brauchen

Stellen Sie sich vor, Sie drehen den Wasserhahn auf, aber es kommen nur tröpfchenweise braune Schlieren heraus. In Deutschland wäre das ein Skandal. Doch wenn es um unsere digitale Lebensader – das Internet – geht, nehmen wir genau diesen Zustand seit Jahren hin. Während wir uns durch ruckelnde Videokonferenzen quälen und auf Ladebalken starren, spielt sich in Deutschland ein absurdes Theater ab: Mieter und Eigentümer wehren sich gegen kostenlose Glasfaseranschlüsse, oft aus Angst vor „Schmutz im Flur“.

Doch dieser Widerstand ist nur ein Symptom. Das eigentliche Problem liegt tiefer. Deutschland fehlt der Mut zur Modernisierung und vor allem: ein gesetzlich verankertes Recht auf Glasfaser. In diesem Artikel analysieren wir, warum Deutschland im internationalen Vergleich ein digitales Entwicklungsland ist, warum die aktuellen Gesetze die Realität ignorieren und welche radikalen Schritte die Bundesregierung jetzt gehen muss.

Deutschland im digitalen Tiefschlaf: Ein internationaler Vergleich

Um zu verstehen, wie dramatisch die Lage wirklich ist, müssen wir über den deutschen Tellerrand blicken. Wir feiern uns hierzulande oft für minimale Fortschritte beim Breitbandausbau, doch die nackten Zahlen der Glasfaser-Statistiken sprechen eine andere Sprache. Im globalen Vergleich wirkt die größte Volkswirtschaft Europas wie ein Relikt aus dem letzten Jahrhundert.

Die Weltspitze spielt in einer eigenen Liga

Schauen wir uns die Länder an, die verstanden haben, dass Daten das Öl des 21. Jahrhunderts sind. Die Top 5 der Welt bei der Glasfaserabdeckung (FTTH/B Penetration) zeigen, was möglich ist:

  1. Vereinigte Arabische Emirate (VAE): Mit fast 99% Abdeckung ist Glasfaser hier so selbstverständlich wie Strom.
  2. Singapur: Rund 97%. Hier wurde bereits 2010 ein staatliches Programm gestartet.
  3. Hongkong: Ca. 95%.
  4. China: Etwa 93%, getrieben durch staatlich verordnete Digitalisierung.
  5. Südkorea: Der Pionier mit 87-96%, der bereits Anfang der 2000er Jahre die Weichen stellte.

Was haben diese Länder gemeinsam? Sie haben nicht auf die „Marktkräfte“ bei einer kritischen Infrastruktur gewartet. Sie haben gehandelt, während Deutschland noch versuchte, aus alten Kupferleitungen (Vectoring) das letzte Bit herauszupressen.

Der beschämende Blick zu den Nachbarn

Vielleicht denken Sie: „Nun gut, Asien ist weit weg.“ Aber auch in Europa werden wir abgehängt. Nehmen wir Spanien. Während hierzulande Bauanträge in Bürokratie ersticken, hat Spanien durch strikte Regulierung – etwa den erzwungenen Zugang zu Leerrohren – eine Abdeckung von über 80% erreicht.

Deutschland hingegen dümpelt im OECD-Ranking regelmäßig auf den hinteren Plätzen (oft Platz 34 von 38). Zwar steigen die Zahlen der „Homes Passed“ (Häuser, an denen Glasfaser vorbeiführt), aber die tatsächliche Nutzung („Homes Activated“) liegt oft nur zwischen 6% und 25%. Das ist volkswirtschaftlicher Wahnsinn: Die Infrastruktur liegt in der Straße, aber niemand nutzt sie, weil das alte Kupfernetz künstlich am Leben erhalten wird.

Vom Recht auf Telefon zum Recht auf Glasfaser

Historisch gesehen hatte Deutschland einst einen starken Ansatz bei der Daseinsvorsorge. Es gab lange Zeit ein „Recht auf einen Telefonanschluss“. Wer ein Haus baute, musste erreichbar sein. Punkt.

Heute regelt das Telekommunikationsgesetz (TKG) die Versorgung. Doch der Begriff „Grundversorgung“ wird hier so minimalistisch ausgelegt, dass er fast schon zynisch wirkt. Die aktuellen Vorgaben der Bundesnetzagentur für die Mindestversorgung (Stand 2024/2025) sind ein Witz für eine Industrienation:

  • Download: Mindestens 15 Mbit/s
  • Upload: Mindestens 5 Mbit/s
  • Latenz: Maximal 150 ms

Diese Werte orientieren sich an der absoluten technischen Untergrenze, um eine Webseite gerade noch so aufrufen zu können. Sie haben nichts mit der Lebensrealität einer Familie oder eines modernen Home-Office-Arbeitsplatzes zu tun.

Realitätscheck: Warum 50 Mbit/s heute nicht mehr reichen

Gesetzgeber argumentieren oft mit Durchschnittswerten. Doch das Internet muss nicht im Durchschnitt funktionieren, sondern in der „Peak Time“ – also genau dann, wenn alle zu Hause sind. Lassen Sie uns einen typischen 4-Personen-Haushalt im Jahr 2025 simulieren, um zu sehen, warum die aktuellen Standards versagen.

Das Szenario am Abend

  • Vater: Sitzt noch im Home Office und muss große Dateien auf den Firmenserver laden.
  • Mutter: Nimmt an einer Fortbildung via Zoom teil.
  • Kind 1 (Jugendlich): Streamt Twitch in 4K oder spielt online (benötigt extrem niedrige Latenz).
  • Kind 2: Schaut Netflix oder Disney+ im Wohnzimmer.

Die Bandbreiten-Rechnung

  1. Das Ende des Kabelfernsehens: Seit dem Fall des Nebenkostenprivilegs im Juli 2024 nutzen Millionen Haushalte TV nur noch über das Internet (IPTV). Ein einzelner 4K-Stream benötigt stabil ca. 15–25 Mbit/s. Laufen zwei Fernseher, sind 50 Mbit/s bereits komplett belegt.
  2. Der Flaschenhals Upload: Für Videokonferenzen ist nicht der Download, sondern der Upload entscheidend. Zwei parallele HD-Calls benötigen 10 Mbit/s Upload. Bei einem Standard-VDSL-Anschluss bricht hier die Verbindung oft schon zusammen.
  3. Der unsichtbare Traffic: Im Hintergrund laden Smartphones Updates, der Smart Speaker streamt Musik und die Cloud macht Backups.

Das Fazit: Ein VDSL-Anschluss mit 50 Mbit/s ist in diesem Szenario hoffnungslos überlastet. Die gesetzliche Untergrenze von 15 Mbit/s kommt einer digitalen Ausgrenzung gleich.

Was die Bundesregierung jetzt tun muss

Es reicht nicht mehr, Fördergelder mit der Gießkanne zu verteilen. Wir brauchen einen harten politischen Kurswechsel hin zur Glasfaser-Nation. Basierend auf Expertenmeinungen und der aktuellen Marktlage sind folgende vier Schritte unverzichtbar:

1. Das „Recht auf Glasfaser“ gesetzlich verankern

Glasfaser muss im TKG den gleichen Status erhalten wie Wasser und Strom. Es ist Daseinsvorsorge. Vermieter sollten Modernisierungen nicht mehr blockieren dürfen. Die Duldungspflicht muss verschärft werden, damit einzelne Blockierer nicht den Fortschritt ganzer Straßenzüge aufhalten.

2. Anhebung der Mindestbandbreiten auf zeitgemäße Werte

Die Definition der Grundversorgung muss sich an der Realität orientieren, nicht an der Vergangenheit.

  • Download: Mindestens 100 Mbit/s (besser 150 Mbit/s).
  • Upload: Mindestens 50 Mbit/s, um Home Office und Cloud-Nutzung zu ermöglichen.
  • Latenz: Unter 20 ms.

3. Der Abschaltplan für Kupfer (Copper Switch-Off)

Solange das alte Kupfernetz parallel betrieben wird, fehlt der Anreiz zum Wechsel. Wir brauchen – nach dem Vorbild von Spanien oder Schweden – ein festes Datum (z.B. 2032) für die Abschaltung des Kupfernetzes. Das schafft Planungssicherheit für Investoren und Kunden.

4. Verpflichtende Inhouse-Verkabelung (NE4)

Glasfaser bis in den Keller (Homes Passed) bringt dem Nutzer im 4. Stock nichts. Bei jeder Renovierung und jedem Neubau muss die Glasfaser-Verkabelung bis in die Wohnräume gesetzlich vorgeschrieben sein.

Das Erbe der Ära Kohl (CDU)

Warum stehen wir überhaupt hier? Die digitale Rückständigkeit Deutschlands ist kein Zufall, sondern das Ergebnis politischer Entscheidungen. Bereits in den 1980er Jahren gab es unter der Regierung Schmidt Pläne für einen flächendeckenden Glasfaserausbau.

Doch die Regierung unter Helmut Kohl (CDU) stoppte dieses visionäre Vorhaben zugunsten des Kupfer-Koaxialkabels – primär, um privates Kabelfernsehen zu fördern. Diese „Kupfer-Entscheidung“ gilt heute als einer der gravierendsten industriepolitischen Fehler der Nachkriegsgeschichte.

Die Gefahr der Wiederholung unter Merz

Mit der aktuellen Regierung unter Friedrich Merz (CDU) und der SPD besteht die Gefahr, dass sich Geschichte wiederholt (oder zumindest nicht korrigiert wird). Die „Kupfer-DNA“ sitzt tief. Ein echtes „Recht auf Glasfaser“ kostet Geld und erfordert harte Eingriffe in den Markt – etwas, das einer wirtschaftsliberalen Führung traditionell widerstrebt. Doch ohne Bruch mit der alten Doktrin droht Deutschland den Anschluss endgültig zu verlieren.

Fazit: Handeln statt Hoffen

Das Internet ist kein „Neuland“ mehr, es ist das Fundament unserer Wirtschaft und Gesellschaft. Wir können es uns nicht leisten, dieses Fundament auf bröckeligen Kupferleitungen aus den 80er Jahren zu bauen.

Ein Recht auf Glasfaser ist keine Luxusforderung, sondern die Voraussetzung für Chancengleichheit in Bildung und Beruf. Die Technologien sind da, das Geld ist da (oft mangelt es eher am Abruf der Fördermittel) – was fehlt, ist der politische Mut, alte Zöpfe abzuschneiden und das Kupferzeitalter zu beenden.

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