Die Stabilität der Energieversorgung bildet das Rückgrat moderner Industriegesellschaften und ist die fundamentale Voraussetzung für das Funktionieren urbaner Agglomerationen. In Deutschland wurde diese Stabilität traditionell auf einem weltweit führenden Niveau gewahrt, wobei Berlin mit einer durchschnittlichen Ausfallzeit von etwa 13 Minuten pro Jahr bisher im stabilen Mittelfeld rangierte. Der massive Stromausfall im Südwesten Berlins im Januar 2026 markiert jedoch eine dramatische Zäsur in der Bewertung der nationalen Infrastrukturresilienz. Es handelte sich nicht um ein zufälliges technisches Versagen oder eine atmosphärische Einwirkung, sondern um einen vorsätzlichen Akt der Sabotage, der die Verwundbarkeit hochgradig zentralisierter Versorgungsknoten offenlegte. Mit einer Dauer von rund einhundert Stunden und Auswirkungen auf über 100.000 Menschen stellt dieses Ereignis den schwersten und am längsten andauernden Stromausfall in der deutschen Hauptstadt seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs dar.
Die vorliegende Analyse untersucht die multidimensionalen Aspekte dieses Blackouts. Sie rekonstruiert die Chronologie der Ereignisse, analysiert die technischen Mechanismen des Systemversagens, beleuchtet die ideologischen Hintergründe der Täterschaft und evaluiert die Wirksamkeit der staatlichen Krisenreaktion. Abschließend werden strategische Empfehlungen zur Härtung kritischer Infrastrukturen (KRITIS) abgeleitet, die im Kontext der aktuellen gesetzgeberischen Initiativen wie dem KRITIS-Dachgesetz stehen.
Chronologie und Phänomenologie des Systemausfalls
Der initiale Störungsfall ereignete sich in den frühen Morgenstunden des 3. Januar 2026. Um 05:44 Uhr verzeichnete die Netzleitstelle der Stromnetz Berlin GmbH einen massiven Spannungsabfall in mehreren 110-kV-Hochspannungssystemen sowie in untergeordneten Mittelspannungsleitungen. Das betroffene Gebiet umfasste primär die Ortsteile Nikolassee, Zehlendorf, Wannsee und Lichterfelde im Bezirk Steglitz-Zehlendorf. Zu diesem Zeitpunkt herrschten in Berlin winterliche Temperaturen um den Gefrierpunkt bei leichtem Schneefall, was die unmittelbaren Folgen des Stromausfalls – insbesondere den Ausfall von Heizungssystemen – massiv verschärfte.
Der erste Einsatztag: 3. Januar 2026
Kurz nach der Alarmierung durch das interne Überwachungssystem gegen 05:44 Uhr meldete die Berliner Feuerwehr um 06:12 Uhr einen Brand an einer Kabelbrücke über den Teltowkanal in unmittelbarer Nähe des Heizkraftwerks Lichterfelde. Diese Brücke fungierte als neuralgischer Punkt, an dem mehrere Versorgungsstränge verschiedener Spannungsebenen gebündelt verliefen. Das Feuer, das vorsätzlich gelegt wurde, zerstörte die Isolierung und die Leiterstruktur der Kabel vollständig, was zu einem unmittelbaren Zusammenbruch der Versorgung für rund 45.400 Haushalte und 2.200 Gewerbebetriebe führte.
Gegen 12:20 Uhr am selben Tag gelang es den Technikern durch komplexe Umschaltmaßnahmen in der Mittelspannungsebene (10 kV), die ersten 10.000 Haushalte in Lichterfelde wieder an das Netz zu bringen. Dennoch blieb die Lage in Zehlendorf und Wannsee prekär. Da das 110-kV-Netz an dieser Stelle massiv geschädigt war, reichten einfache Umschaltungen nicht aus, um die Last für das gesamte Gebiet zu übernehmen.
Die Eskalationsphase: 4. bis 6. Januar 2026
In den darauffolgenden Tagen wurde das Ausmaß des Schadens deutlich. Während am 4. Januar weitere 7.000 Haushalte durch provisorische Verbindungen versorgt werden konnten, verharrten am Abend des 5. Januar immer noch rund 27.200 Haushalte und 1.425 Gewerbebetriebe in der Dunkelheit. Die Kälte führte dazu, dass öffentliche Einrichtungen wie das Cole-Sport-Center in Zehlendorf und das Rathaus Zehlendorf als Notunterkünfte eingerichtet wurden.
Die Berliner Innenverwaltung reagierte in der Nacht zum 5. Januar mit der Ausrufung einer Großschadenslage nach dem Berliner Katastrophenschutzgesetz. Dies ermöglichte die Anforderung von Amtshilfe bei der Bundeswehr, die ab dem 6. Januar logistische Unterstützung leistete, Truppenküchen zur Verfügung stellte und Unterkünfte für zivile Helfer in der General-Steinhoff-Kaserne bereitstellte.
Die Wiederherstellung: 7. bis 10. Januar 2026
Die entscheidende Wende trat am Mittwoch, dem 7. Januar, ein. Nach intensiven Arbeiten an zwei provisorischen Hochspannungsleitungen konnte ab 11:00 Uhr mit der schrittweisen Wiederzuschaltung begonnen werden. Zuvor war per Cell Broadcast eine Warnung an alle Berliner Haushalte geschickt worden, private Notstromaggregate vom Netz zu trennen und stromintensive Geräte zu meiden, um die Stabilität des Netzes beim Hochfahren nicht zu gefährden. Bis 20:30 Uhr war die Wiederversorgung aller Kunden offiziell abgeschlossen. Am 9. und 10. Januar wurden zusätzliche Sicherungsmaßnahmen durchgeführt, indem eine zweite provisorische Leitung in Betrieb genommen wurde, um die Redundanz während der monatelangen finalen Reparaturarbeiten zu gewährleisten.
| Phase | Datum | Status der Versorgung | Maßnahme / Ereignis |
| Initialschlag | 03.01.2026 | 45.400 Haushalte offline | Brandanschlag Kabelbrücke Lichterfelde |
| Teilreparatur | 04.01.2026 | ~35.000 Haushalte offline | Zuschaltung Lichterfelde West via Mittelspannung |
| Krisenhöhepunkt | 05.01.2026 | 27.200 Haushalte offline | Ausrufung Großschadenslage, Amtshilfe Bundeswehr |
| Wiederzuschaltung | 07.01.2026 | 0 Haushalte offline (ab 20:30) | Erfolg der Hochspannungsprovisorien |
| Stabilisierung | 10.01.2026 | Netz stabil | Zweite provisorische Leitung in Betrieb |
Technische Ursachenanalyse und systemische Schwachstellen
Der Vorfall im Januar 2026 offenbart eine kritische Diskrepanz zwischen dem theoretischen Sicherheitskonzept des Stromnetzes und der praktischen Anfälligkeit gegenüber gezielter Sabotage. Das Berliner Stromnetz ist nach dem sogenannten N−1-Prinzip aufgebaut. Dieses besagt, dass beim Ausfall einer beliebigen Komponente – etwa eines Transformators oder einer Leitung – die verbleibenden Komponenten die Last ohne Unterbrechung übernehmen können müssen.
Das Versagen des N-1-Prinzips
Im Fall der Kabelbrücke am Teltowkanal wurde dieses Prinzip durch die räumliche Bündelung mehrerer Systeme ausgehebelt. Wenn zwei oder mehr voneinander unabhängige Leitungssysteme auf derselben Trasse geführt werden, führt ein Brand an diesem Punkt zum gleichzeitigen Ausfall beider Pfade. Technisch betrachtet liegt hier ein „Common Mode Failure“ vor. Da die Sabotage gezielt die Zuleitungen für mehrere Umspannwerke zerstörte, war der gesamte Südwesten faktisch vom 110-kV-Übertragungsnetz abgetrennt.
Die Reparaturarbeiten gestalteten sich deshalb so langwierig, weil Hochspannungskabel eine komplexe Struktur aufweisen. Ein bloßes „Zusammenflicken“ ist bei 110.000 Volt nicht möglich. Es müssen spezielle Verbindungselemente, sogenannte Muffen, in Handarbeit und unter absolut schmutzfreien Bedingungen installiert werden. In Lichterfelde handelte es sich zudem um eine beträchtliche Anzahl von Kabeln: Das Bekennerschreiben erwähnte spezifisch 64 Rohre unter der Brücke, von denen ein Großteil mit Starkstromkabeln belegt war.
Infrastruktur-Mapping und Zugänglichkeit
Ein wesentlicher Faktor für den Erfolg des Anschlags war die leichte Identifizierbarkeit des Ziels. Experten wiesen darauf hin, dass die betroffene Kabelbrücke auf öffentlich zugänglichen Satellitenbildern deutlich erkennbar und in einer relativ entlegenen Lage situiert war, was eine unbemerkte Tatausführung begünstigte. Hier kollidieren die Anforderungen an Transparenz im Energiemarkt mit den Erfordernissen des Sabotageschutzes. Kritiker bemängeln, dass sensible Netzdaten oft „auf dem Silbertablett“ präsentiert werden.
| Schwachstelle | Beschreibung | Implikation |
| Trassenbündelung | Mehrere Systeme auf einer Brücke | Totalausfall bei punktuellem Ereignis |
| Physischer Schutz | Fehlende Einzäunung/Überwachung | Leichte Zugänglichkeit für Saboteure |
| Reparaturkomplexität | Muffentechnik und Erdarbeiten | Mehrtägige Ausfallzeiten unvermeidbar |
| Informationspolitik | Veröffentlichung sensibler Standorte | Erleichterte Zielplanung für Täter |
Die ideologische Dimension: Analyse der „Vulkangruppe“
Am 4. Januar 2026 wurde ein Bekennerschreiben einer Gruppe veröffentlicht, die sich als „Vulkangruppe“ identifizierte. Diese Bezeichnung wird seit 2011 von verschiedenen, teils lose assoziierten linksextremistischen Gruppierungen verwendet, die durch Sabotageakte gegen Infrastruktureinrichtungen wie die Bahn, Stromnetze oder Industrieanlagen (etwa Tesla) in Erscheinung getreten sind.
Motive und Zielsetzung
Das Bekennerschreiben zum Anschlag in Lichterfelde zeichnete sich durch eine ausgeprägte Systemkritik aus. Die Täter rechtfertigten den Angriff als Schlag gegen die „klimazerstörende Normalität“ und die „fossil-kapitalistische Infrastruktur“. Ein bemerkenswerter neuer Aspekt in der Argumentation war der Bezug auf Rechenzentren für Künstliche Intelligenz (KI). Die Gruppe kritisierte den enormen Energiehunger dieser Zentren und deren Rolle bei der „Massenüberwachung“.
Die Wahl des Zeitpunkts – mitten im Winter bei Frosttemperaturen – wurde im Schreiben mit einer gewissen Ambivalenz kommentiert. Während man sich bei den „weniger wohlhabenden Menschen“ für die Unannehmlichkeiten entschuldigte, hielt sich das Mitleid für die „Besitzer von Villen“ in Steglitz-Zehlendorf laut Text in Grenzen. Diese soziale Komponente unterstreicht die klassenkämpferische Ausrichtung der Gruppierung.
Forensische Linguistik und die „False Flag“-Debatte
Aufgrund der Schwere des Anschlags und der geopolitischen Lage kursierten unmittelbar Spekulationen über eine Beteiligung ausländischer Akteure, insbesondere Russlands. Es wurde vermutet, dass es sich um eine Operation unter falscher Flagge handeln könnte, um die soziale Instabilität in Deutschland zu befeuern.
Die forensische Linguistin Müller analysierte das erste Schreiben jedoch als authentisch für das linksextremistische Spektrum. Sie verwies auf den „akademischen, kosmopolitischen Hintergrund“ der Verfasser, die Verwendung von spezifischen Gendering-Mustern (positive Konnotation weiblicher Formen, negative Konnotation männlicher Formen) und den Bezug auf internationale Themen wie die Situation der Uiguren. Zwar gab es Hinweise auf potenziell maschinell übersetzte Passagen oder untypische Satzstrukturen, doch die Berliner Sicherheitsbehörden und der Verfassungsschutz stuften die Urheberschaft der Vulkangruppe als „sehr deutlich“ ein.
Interessanterweise kam es innerhalb der Szene zu Spaltungen. Ein drittes Schreiben am 7. Januar distanzierte sich von dem Anschlag und behauptete, die ursprüngliche Vulkangruppe habe einen „defensiven“ Ansatz verfolgt, der auf Störung statt auf Zerstörung ausgelegt war. Dies deutet auf eine Radikalisierung neuerer Zellen hin, die bereit sind, die Gefährdung von Menschenleben (etwa durch den Ausfall von Medizintechnik) billigend in Kauf zu nehmen.
Auswirkungen auf das Gesundheitswesen und die Zivilgesellschaft
Der Stromausfall traf das Gesundheitswesen in einer Phase hoher Belastung. In dem betroffenen Gebiet liegen nicht nur fünf große Kliniken, darunter das Krankenhaus Waldfriede und das Theodor-Wenzel-Werk, sondern auch über 200 Arztpraxen und zahlreiche Pflegeheime.
Klinische Versorgung unter Notstrombedingungen
Krankenhäuser sind gesetzlich verpflichtet, Notstromaggregate vorzuhalten. Diese sichern jedoch oft nur die überlebenswichtigen Funktionen (Intensivstation, OP-Säle) ab. Ein regulärer Vollbetrieb über mehrere Tage ist damit kaum möglich. Die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) wies darauf hin, dass der Schutz vor Sabotage und Cyberangriffen Investitionen in Milliardenhöhe erfordert, um die Resilienz langfristig zu sichern. Während des Blackouts mussten einige Pflegebedürftige evakuiert und in Krankenhäuser außerhalb des betroffenen Gebiets verlegt werden.
| Bereich | Art der Störung | Konsequenz |
| Arztpraxen | Ausfall der Kühlung | Vernichtung von Impfstoffen und Insulin |
| Apotheken | Händische Dokumentation | Eingeschränkter Service, Medikamentenmangel |
| Pflegeheime | Ausfall von Aufzügen | Immobilität bettlägeriger Bewohner |
| Heimpflege | Defekte Beatmungsgeräte | Akute Lebensgefahr für Patienten |
Die Rolle der „Katastrophenschutz-Leuchttürme“
Ein Erfolg im Krisenmanagement war die Aktivierung der sogenannten Katastrophenschutz-Leuchttürme. Dabei handelt es sich um Anlaufstellen bei der Feuerwehr oder in öffentlichen Gebäuden, an denen Bürger Notrufe absetzen können, Informationen erhalten oder Mobiltelefone laden können. Da das Mobilfunknetz aufgrund erschöpfter Pufferbatterien an vielen Standorten nach wenigen Stunden ausfiel, bildeten diese Leuchttürme die einzige verbliebene Kommunikationsbrücke zum Staat.
Politische Aufarbeitung und Krisenkommunikation
Die politische Reaktion auf den Blackout wurde von heftigen Kontroversen begleitet. Der Regierende Bürgermeister Kai Wegner (CDU) geriet in die Kritik, weil er am Tag des Anschlags nicht unmittelbar vor Ort präsent war. Berichte über seine Abwesenheit wurden von der Opposition instrumentalisiert, um ein „politisches Versagen“ zu konstatieren. Wegner betonte hingegen, er habe die Lage koordiniert und bewusst die Experten der Feuerwehr und des Netzbetreibers agieren lassen.
Rechtliche Einordnung: Sabotage oder Terrorismus?
Die Generalbundesanwaltschaft übernahm am 6. Januar 2026 die Ermittlungen. Der Vorwurf lautet unter anderem auf Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung (§ 129a StGB) sowie verfassungsfeindliche Sabotage. Diese Einstufung markiert eine Eskalation in der juristischen Bewertung solcher Taten. Während frühere Anschläge oft als „Sachbeschädigung“ oder „Störung öffentlicher Betriebe“ gewertet wurden, erkennt der Staat nun die strategische Absicht an, die Funktionsfähigkeit des Gemeinwesens zu untergraben.
Die „Tennis-Kontroverse“ und das Vertrauensmanagement
Ein spezifisches Problem der Krisenkommunikation war die Nachricht, dass Wegner wenige Stunden nach Beginn des Stromausfalls Tennis gespielt habe. Auch wenn dies die operative Arbeit der Techniker nicht beeinflusste, war der symbolische Schaden immens. In einer Krise dieses Ausmaßes wird von der politischen Führung eine „Allgegenwärtigkeit“ erwartet. Die Unzufriedenheit der Bürger entlud sich später bei Besuchen von Wegner und Innensenatorin Spranger in Notunterkünften. Um den sozialen Frieden zu wahren, entschied der Senat schließlich, Hotelkosten für Betroffene zu erstatten – ein Schritt, der finanziell und organisatorisch beispiellos war.
Präventionsstrategien und die Zukunft der KRITIS-Sicherheit
Um künftige Vorfälle dieser Art zu vermeiden, ist ein Paradigmenwechsel in der Infrastrukturplanung erforderlich. Die bisherige Optimierung auf Kosteneffizienz muss einer Optimierung auf Resilienz weichen.
Das KRITIS-Dachgesetz (KRITIS-DachG)
Das im September 2025 vom Bundeskabinett beschlossene Gesetz soll ab 2026 verbindliche Mindeststandards für den physischen Schutz kritischer Anlagen festlegen. Es setzt die EU-Richtlinie 2022/2557 (CER) um und definiert Sektoren wie Energie, Transport, Gesundheit und Wasser als besonders schützenswert.
Die zentralen Säulen des Gesetzes sind:
- Risikoanalysen: Betreiber müssen alle vier Jahre eine Bewertung ihrer Schwachstellen vorlegen.
- Physische Härtung: Dazu gehören Zäune, Videoüberwachung, Zugangskontrollen und Drohnenabwehr.
- Redundanz-Vorgaben: Die Vermeidung von „Single Points of Failure“ durch geografisch getrennte Trassenführung.
- Resilienzpläne: Dokumentation von Maßnahmen zur schnellen Wiederherstellung nach einem Vorfall.
Ein Kritikpunkt bleibt die Erheblichkeitsschwelle. Das Gesetz gilt primär für Anlagen, die mehr als 500.000 Menschen versorgen. Sabotageexperten warnen, dass auch Angriffe auf kleinere Knotenpunkte – wie die Brücke in Lichterfelde – massive Kaskadeneffekte auslösen können.
Technische Innovationen im Sabotageschutz
Neben gesetzlichen Vorgaben bietet die Technik neue Möglichkeiten zur Überwachung weitläufiger Netze.
- LiDAR und Drohnen: Automatisierte Patrouillen entlang von Stromtrassen können Unregelmäßigkeiten oder Vorbereitungen für Anschläge erkennen.
- DAS (Distributed Acoustic Sensing): Glasfaserkabel, die parallel zu Stromleitungen verlaufen, können als „Mikrofone“ fungieren und Erschütterungen oder Grabungsarbeiten in Echtzeit melden.
- Intelligente Netzsteuerung: Durch Digitalisierung der Umspannwerke können Lasten schneller und flexibler umverteilt werden, was die Dauer eines Ausfalls verkürzt.
Dezentralisierung und „Inselbildung“
Ein langfristiger Schutz besteht in der Dezentralisierung der Erzeugung. Wenn Stadtquartiere über eigene Energiequellen (Photovoltaik, KWK-Anlagen) und Speicher verfügen, können sie im Falle eines Blackouts im Hauptnetz vorübergehend in einen „Inselbetrieb“ gehen. Dies würde die Last für die Rettungskräfte massiv reduzieren, da die Grundversorgung (Licht, Kochen, Kommunikation) lokal gesichert wäre.
| Maßnahme | Zielsetzung | Status / Umsetzung |
| Trassenentflechtung | Vermeidung von Common Mode Failures | Laufend im Berliner Bestandsnetz |
| Vollverkabelung | Schutz vor Witterung und Sabotage | Zielsetzung bis 2033 für alle Hochspannungsleitungen |
| KRITIS-DachG | Gesetzliche Standards für Resilienz | Inkrafttreten geplant für Frühjahr 2026 |
| NIS-2-Richtlinie | Erhöhung der Cybersicherheit | Novellierung des BSI-Gesetzes |
Vergleichsanalyse: Johannisthal vs. Lichterfelde
Die Wiederholung eines massiven Stromausfalls innerhalb weniger Monate (September 2025 in Johannisthal und Januar 2026 in Lichterfelde) verdeutlicht ein Muster. In beiden Fällen war die Ursache Brandstiftung an exponierten Stellen der Hochspannungsinfrastruktur (Masten bzw. Brücken).
In Johannisthal traf es zwei 110-kV-Leitungen an Endmasten. Der Ausfall dauerte 60 Stunden. In Lichterfelde war die Komplexität höher, da auch Mittelspannungskabel betroffen waren und die Witterung die Reparatur erschwerte, was zu einer Ausfalldauer von 100 Stunden führte. Die Erkenntnis aus beiden Vorfällen ist identisch: Das Berliner Netz ist zwar N−1-sicher gegen zufällige Fehler, aber nicht gegen gezielte, simultane Angriffe auf gebündelte Infrastruktur.
Zusammenfassung und strategische Schlussfolgerungen
Der Stromausfall in Berlin im Januar 2026 war ein Weckruf für die deutsche Sicherheitsarchitektur. Er hat gezeigt, dass eine hochtechnisierte Metropole innerhalb weniger Stunden an den Rand eines katastrophalen Zustands geraten kann, wenn die Lebensadern der Energieversorgung durchtrennt werden.
Zentrale Erkenntnisse
- Physische Schwachstellen: Die räumliche Bündelung von Versorgungsleitungen an Engpässen wie Brücken stellt ein inakzeptables Risiko dar. Die Netzplanung muss Diversität vor Kostenersparnis stellen.
- Neue Täterschaft: Die Radikalisierung linksextremistischer Gruppen wie der Vulkangruppe hat eine Qualität erreicht, die vor massiven Beeinträchtigungen der Zivilbevölkerung nicht mehr zurückschreckt. Die Einstufung als Terrorismus ist die logische rechtliche Konsequenz.
- Abhängigkeiten im Gesundheitswesen: Die Resilienz von Krankenhäusern und Arztpraxen ist unzureichend. Notstromkonzepte müssen den Ausfall der gesamten umgebenden Infrastruktur (Kommunikation, Logistik) stärker einbeziehen.
- Krisenkommunikation: Die Bevölkerung ist auf staatliche Informationen angewiesen. Der Ausfall des Mobilfunks muss durch robuste, stromunabhängige Kommunikationswege (Sirenen, Leuchttürme, Analogfunk) kompensiert werden.
Empfehlungen für Politik und Wirtschaft
Der Staat muss die Resilienzstrategie als Daueraufgabe begreifen. Dies bedeutet eine verlässliche Finanzierung für den Bevölkerungsschutz und eine klare Priorisierung von Härtungsmaßnahmen. Die Netzbetreiber müssen verpflichtet werden, ihre Investitionen (in Berlin geplant: 2,9 Milliarden Euro bis 2030) gezielt in die Erhöhung der Redundanz und den Sabotageschutz zu lenken.
Abschließend lässt sich festhalten, dass absolute Sicherheit in einer offenen Gesellschaft nicht möglich ist. Aber eine resiliente Gesellschaft zeichnet sich dadurch aus, dass sie Störungen antizipiert, ihre Folgen begrenzt und schnell zum Normalzustand zurückkehrt. Der Berliner Blackout 2026 liefert das notwendige Datenmaterial, um diese Widerstandsfähigkeit für die Zukunft auf ein neues Niveau zu heben. Die Umsetzung des KRITIS-Dachgesetzes und die Transformation des Stromnetzes sind hierbei keine technischen Randthemen, sondern Kernfragen der nationalen Sicherheit.
Die Stabilisierung der Versorgung im Südwesten Berlins durch provisorische Leitungen ist nur ein vorübergehender Erfolg. Die eigentliche Arbeit – der Umbau der Netze und die Anpassung der Sicherheitskonzepte an eine neue Bedrohungslage – hat gerade erst begonnen. Der Fall Lichterfelde wird in die Lehrbücher des Katastrophenmanagements eingehen, als das Ereignis, das die Verwundbarkeit der Moderne im 21. Jahrhundert definierte.
