Bildungsmangel: Warum unsere Gesellschaft nach rechts rückt – Internationaler Tag der Bildung

Jedes Jahr am 24. Januar rückt der Internationaler Tag der Bildung ein Thema in den Fokus, das oft auf seine ökonomische Funktion reduziert wird. Viele sehen in Bildung primär den Schlüssel zu einem gut bezahlten Job oder technologischem Fortschritt. Doch die aktuelle gesellschaftspolitische Lage zeigt uns eine weitaus dringlichere Facette: Bildung ist das fundamentale Immunsystem einer funktionierenden Demokratie.

In Zeiten, in denen rechtsextreme Strömungen weltweit an Zulauf gewinnen, müssen wir uns fragen, welche Rolle das Bildungssystem dabei spielt. Ist das Erstarken extremistischer Ränder ein Zufall oder das bittere Resultat erodierender Bildungssysteme? Wenn kritisches Denken schwindet und die Erziehung zur Demokratie vernachlässigt wird, entsteht ein Vakuum, das nur zu gerne von populistischen Narrativen gefüllt wird. In diesem Artikel erfahren Sie, warum wir Bildung als Schutzschild begreifen müssen und wie wir unsere Gesellschaft durch Wissen stärken können.

Internationaler Tag der Bildung
Internationaler Tag der Bildung

1. Das Vakuum der fehlenden historischen Bildung

Ein Volk, das seine Geschichte nicht kennt, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen. Ohne ein fundiertes Verständnis der Vergangenheit verlieren Begriffe wie „Faschismus“ oder „Totalitarismus“ ihre mahnende und abschreckende Wirkung.

Die Gefahr der Dekontextualisierung

Rechtsextreme Narrative funktionieren durch die gezielte Vereinfachung komplexer historischer Abläufe. Wenn die notwendige politische Bildung fehlt, können Agitatoren historische Ereignisse aus ihrem Kontext reißen.

  • Aktuelles Beispiel: In jüngster Zeit beobachten wir vermehrt die Umdeutung des Begriffs „Remigration“. Während dieser in der Wissenschaft die freiwillige Rückkehr beschreibt, wurde er bei Treffen rechtsextremer Kreise (wie dem bekannt gewordenen Treffen von Potsdam) als Euphemismus für massenhafte Deportationen missbraucht. Ohne historisches Wissen über die sprachlichen Tarnkappen des Nationalsozialismus wird die Radikalität solcher Forderungen oft unterschätzt.

Relativierung als Strategie

Mangelndes geschichtliches Wissen ermöglicht es, demokratische Prozesse mit Diktaturen gleichzusetzen.

  • Aktuelles Beispiel: Vergleiche der aktuellen Corona-Maßnahmen oder klimapolitischer Entscheidungen mit dem „Ermächtigungsgesetz“ von 1933 sind eine gefährliche Verharmlosung der NS-Diktatur. Wer die strukturellen Unterschiede nicht durch Bildung gelernt hat, ist anfälliger für diese Form der Geschichtsklitterung.

2. Kritisches Denken: Die kognitive Bremse gegen Manipulation

In der digitalen Ära ist die Flut an Informationen schier unendlich, doch die Fähigkeit zur Einordnung wächst nicht automatisch mit. Kritisches Denken ist die essenzielle Fähigkeit, Informationen zu hinterfragen.

Filterblasen und der Sieg der einfachen Antwort

Algorithmen in sozialen Netzwerken bevorzugen Inhalte, die starke Emotionen auslösen.

  • Aktuelles Beispiel: Während des US-Wahlkampfs oder auch bei Landtagswahlen in Deutschland verbreiteten sich Deepfakes – KI-generierte Bilder und Videos –, die politische Gegner in kompromittierenden Situationen zeigen. Kritisches Denken bedeutet hier, nicht dem ersten emotionalen Impuls zu folgen, sondern die Quelle zu prüfen, bevor man auf „Teilen“ klickt.

Emotionale Manipulation erkennen

Rechtsextreme Rhetorik setzt gezielt auf Affekte wie Angst und Wut.

  • Aktuelles Beispiel: Die gezielte Schürung von Ängsten vor einer „unkontrollierten Masseneinwanderung“ wird oft durch Einzelfälle befeuert, die als repräsentativ für eine ganze Gruppe dargestellt werden. Bildung hilft dabei, statistische Wahrscheinlichkeiten von anekdotischer Evidenz zu unterscheiden.

3. Ambiguitätstoleranz: Vielfalt als Stärke begreifen

Die Fähigkeit, Widersprüche und unterschiedliche Meinungen auszuhalten, ist in einer globalisierten Welt überlebenswichtig.

Die Sehnsucht nach Eindeutigkeit

  • Aktuelles Beispiel: Der Diskurs um den Klimawandel oder geschlechtergerechte Sprache (Gendern). Rechtspopulisten bieten hier oft die „Rückkehr zur Normalität“ an – eine einfache, aber illusionäre Flucht aus der Komplexität moderner Identitäts- und Umweltfragen.

Pluralismus ist keine Bedrohung

  • Aktuelles Beispiel: Die massiven Proteste der „Silent Majority“ gegen Rechtsextremismus Anfang 2024 zeigten, dass eine informierte Gesellschaft den Pluralismus verteidigen kann. Bildung vermittelt, dass Streit in der Sache ein Zeichen von Demokratie ist, nicht von Schwäche.

4. Medienkompetenz in der „Wahrheitskrise“

Wir befinden uns in einer Zeit, in der die Grenze zwischen Meinung und Fakt immer weiter verwischt.

  • TikTok als politische Bühne: Akteure wie die AfD nutzen Kurzvideos auf TikTok weitaus effektiver als demokratische Parteien. Durch schnelle Schnitte und populistische Slogans werden komplexe politische Themen auf 15 Sekunden reduziert. Medienkompetenz bedeutet hier, die Mechanismen dieser Plattformen zu durchschauen und die darin enthaltenen logischen Sprünge zu erkennen.
  • Verschwörungsmythen: Von „QAnon“ bis hin zu Theorien über den „Großen Austausch“. Diese Erzählungen bieten einfache Erklärungen für globale Krisen. Bildungsprojekte zur Entlarvung dieser Mythen sind heute wichtiger denn je.

5. Soziale Teilhabe und die Rolle der Bildungschancen

Bildung ist ein entscheidendes Instrument der sozialen Teilhabe. Ungerechtigkeit im Bildungssystem schafft Frustration.

Abstiegsängste und Sündenbock-Rhetorik

  • Aktuelles Beispiel: Die wirtschaftliche Transformation (Digitalisierung, Dekarbonisierung) verunsichert viele Arbeitnehmer in klassischen Industriezweigen. Wer hier keinen Zugang zu Weiterbildung und Umschulung hat, fühlt sich abgehängt. Rechtsextreme Parteien fangen diese Menschen auf, indem sie „die Eliten“ oder „die Migranten“ für den Wandel verantwortlich machen.

Die gefährliche Elitenkritik

  • Aktuelles Beispiel: Die Diffamierung von Wissenschaftlern während der Pandemie oder von Klimaforschern. Wissenschaft wird als „Meinung der Mächtigen“ dargestellt, um das Vertrauen in Fakten zu untergraben. Inklusive Bildung muss den Weg der Erkenntnisgewinnung transparent machen, um Vertrauen zurückzugewinnen.

Fazit: Bildung ist aktive Friedensarbeit

Die Ereignisse der letzten Monate – von den Demonstrationen gegen rechts bis hin zur Flut an Desinformation im Netz – zeigen deutlich: Unsere Freiheit steht und fällt mit dem Wissensstand ihrer Bürger. Der Internationaler Tag der Bildung erinnert uns daran, dass wir nicht nur Fachkräfte ausbilden müssen, sondern mündige Demokraten.

Wahre Bildung befreit den Menschen nicht nur von Unwissenheit. Sie befreit ihn von der Angst vor dem Fremden und der Verführung durch einfache Parolen.

Handeln Sie jetzt: Nutzen Sie Angebote zur politischen Bildung, prüfen Sie Quellen doppelt und unterstützen Sie Initiativen, die Fakten vor Fake News setzen. Eine informierte Gesellschaft ist eine wehrhafte Gesellschaft.

Nach oben scrollen