In den letzten Jahrzehnten waren die USA der unangefochtene Garant der westlichen Sicherheitsarchitektur und ein tragender Pfeiler des internationalen Multilateralismus. Doch im Januar 2026 erleben wir eine Zäsur, die alles bisher Dagewesene in den Schatten stellt. Mit dem Rückzug aus insgesamt 66 internationalen Organisationen, dem völkerrechtswidrigen Zugriff auf Venezuela und dem unverhohlenen Druck auf Grönland haben sich die Vereinigten Staaten unter Donald Trump von einer Ordnungsmacht zu einem unberechenbaren transaktionalen Akteur gewandelt.
Die Welt blickt fassungslos auf ein Washington, das Verträge nicht mehr als Bindung, sondern als Belastung sieht. In diesem umfassenden Dossier analysieren wir die strategischen Hintergründe dieser „Interventionistischen Isolation“, untersuchen die Auswirkungen auf globale Institutionen und stellen die alles entscheidende Frage: Sind die USA unter diesen Umständen überhaupt noch als Partner tragbar oder muss sich der Rest der Welt – insbesondere Europa – radikal neu orientieren?
1. Der radikale Bruch: Warum die USA 66 Organisationen verlassen
Der jüngste Paukenschlag aus Washington war das Dekret über den Austritt aus 66 internationalen Organisationen. Dies ist kein Zufall, sondern Teil einer kalkulierten Strategie des Unilateralismus, die darauf abzielt, jegliche internationale Aufsicht über US-Handeln zu eliminieren.
Die Liste des Rückzugs: Souveränität über Kooperation
Die Trump-Administration argumentiert, dass diese Institutionen „antiamerikanisch“ seien oder die nationale Souveränität einschränken würden. Die Liste der betroffenen Organisationen liest sich wie ein Who-is-Who der globalen Governance:
- Klima & Umwelt: Der Austritt aus der UNFCCC (Rahmenübereinkommen der Vereinten Nationen über Klimaänderungen) und dem IPCC (Weltklimarat) signalisiert das endgültige Ende der US-amerikanischen Klimaverantwortung. Auch Organisationen wie die International Renewable Energy Agency (IRENA) wurden verlassen.
- Menschenrechte & Recht: Institutionen wie der UN-Bevölkerungsfonds (UNFPA) und die UNESCO stehen auf der schwarzen Liste. Trump sieht darin Plattformen für eine „globale linke Ideologie“, die den amerikanischen Werten widerspreche.
- Wirtschaft & Entwicklung: Die UN-Konferenz für Handel und Entwicklung (UNCTAD) und das World Food Programme (WFP) müssen künftig ohne US-Gelder und -Expertise auskommen.
Der strategische Grund: „Geld statt Moral“
Hinter dem Rückzug steht der Wunsch, nationale Ressourcen ausschließlich für die eigene Machtprojektion zu nutzen. Die USA sparen Milliarden an Beiträgen, verlieren aber gleichzeitig ihren Platz am Verhandlungstisch. Das Ergebnis ist ein massives Machtvakuum. Während die USA sich isolieren, besetzt China diese Positionen in den UN-Gremien und beginnt, globale Standards nach seinen autokratischen Vorstellungen zu prägen. Für die westlichen Partner bedeutet dies, dass sie in multilateralen Foren plötzlich ohne ihre Führungsmacht dastehen.
2. Der Fall Venezuela: Ölinteressen hinter der Fassade der Gerechtigkeit
Am 3. Januar 2026 schockierte eine Nachricht die Welt: US-Spezialkräfte waren in Caracas gelandet, hatten Präsident Nicolás Maduro und seine Frau Cilia Flores festgenommen und nach New York ausgeflogen. Offiziell wurde die Operation als Vollstreckung einer Anklage wegen „Drogenterrorismus“ aus dem Jahr 2020 deklariert. Doch die Realität ist weitaus profaner.
Ressourcen-Imperialismus: Das schwarze Gold
Venezuela verfügt über die größten nachgewiesenen Ölreserven der Erde. In diversen Pressemitteilungen der Trump-Administration wurde bereits angedeutet, dass die USA die Kontrolle über die venezolanische Ölindustrie übernehmen wollen, um die „Kosten der Befreiung“ zu decken. Trump selbst erklärte unumwunden: „Wir werden das Land führen, bis eine ordnungsgemäße Transition stattfindet – und wir werden sicherstellen, dass das Öl wieder fließt, und zwar zu unseren Bedingungen.“
Der Tod des Völkerrechts
Dieser Angriff ohne UN-Mandat und ohne Zustimmung des Kongresses ist ein eklatanter Völkerrechtsbruch. Er untergräbt die moralische Autorität der westlichen Welt im Kern. Wenn die USA das Recht des Stärkeren über das internationale Recht stellen, verlieren sie ihre Glaubwürdigkeit als Verteidiger der Demokratie. Für andere Regionalmächte ist dies ein Signal: Wenn die USA es tun, warum sollten wir uns an Regeln halten?
3. Die Grönland-Frage: Rohstoffe und Arktis-Strategie
Nicht weniger brisant ist das erneute und verstärkte Interesse der USA an Grönland. Was 2019 noch als skurrile Idee belächelt wurde, hat sich 2026 zu einer existenziellen Bedrohung für die europäische Integrität entwickelt.
Die Jagd nach Seltenen Erden
Grönland ist reich an Ressourcen, die für die moderne Technologie, grüne Energie und die Rüstungsindustrie essenziell sind. Insbesondere bei Seltenen Erden will Trump die Abhängigkeit von China brechen – koste es, was es wolle. Berichte legen nahe, dass die USA bereit sind, Grönland wirtschaftlich zu isolieren, um Dänemark zum Verkauf zu zwingen.
Die Arktis als neues Schlachtfeld
Mit dem Abschmelzen des Polareises eröffnen sich neue Handelsrouten und Zugang zu massiven Untersee-Ölvorkommen. Grönland ist der „unsinkbare Flugzeugträger“ im Nordatlantik. Die Drohungen mit einer militärischen „Sicherung“ der Insel, falls Dänemark nicht kooperiert, zeigen, dass die USA unter Trump bereit sind, selbst engste NATO-Verbündete wie Feinde zu behandeln.
4. Was bedeutet das für NATO und UN?
Die aktuelle US-Politik ist ein Sprengsatz für die bestehenden Weltorganisationen. Wir erleben eine Lähmung der Institutionen, die für den Frieden nach 1945 geschaffen wurden.
Die Krise der Vereinten Nationen (UN)
Die UN befindet sich in einer existenziellen Krise. Wenn das mächtigste Mitglied die UN-Charta als unverbindliche Empfehlung behandelt und gleichzeitig die Finanzierung für Schlüsselprogramme einstellt, droht die Organisation in die Bedeutungslosigkeit abzurutschen. Wir steuern auf eine Ära zu, in der globale Herausforderungen wie Pandemien oder die nukleare Proliferation nicht mehr koordiniert gelöst werden können.
Das Dilemma der NATO: Ein Bündnis ohne Rückgrat?
Die NATO basiert auf dem Artikel 5 – der Beistandspflicht. Doch wie verlässlich ist dieser Beistand, wenn der wichtigste Partner die Souveränität anderer Mitglieder (wie Dänemark im Fall Grönland) missachtet? Die USA nutzen die NATO nur noch als Plattform für ihre eigenen Interessen. Das Vertrauen, der Klebstoff der Allianz, ist restlos aufgebraucht.
Bereits im März 2025 wurde in einem visionären Artikel die Notwendigkeit diskutiert, über eine radikale Veränderung nachzudenken. Der Beitrag A Bold Move: Disband NATO? Hear Me Out argumentierte schon damals, dass eine Auflösung und Neugründung der NATO – eventuell ohne die USA oder als rein europäische Verteidigungsunion – der einzige Weg für Europa sein könnte, um nicht in den Abgrund gezogen zu werden.
5. Analyse: Sind die USA noch als Partner tragbar?
Die Antwort auf diese Frage fällt heute, im Lichte der Ereignisse von 2026, drastisch aus. Die USA sind kein Partner mehr, sondern ein unberechenbares Risiko.
- Vollkommene Unberechenbarkeit: Diplomatische Vereinbarungen und Verträge haben nur noch die Halbwertszeit eines Tweets.
- Transaktionslogik statt Werte: Freundschaften werden gegen Öl (Venezuela) oder Land (Grönland) aufgerechnet.
- Aggressiver Unilateralismus: Die USA agieren wie eine imperiale Macht des 19. Jahrhunderts, die ihre Nachbarschaft dominiert und Partner wie Vasallen behandelt.
Für Deutschland und Europa bedeutet dies das Ende der strategischen Bequemlichkeit. Wer sich auf den US-Schutzschirm verlässt, muss damit rechnen, dass dieser bei der nächsten Gelegenheit als Druckmittel gegen die eigenen Interessen eingesetzt wird.
Fazit: Zeit für europäische Souveränität
Die USA unter der aktuellen Führung haben sich weitgehend von der internationalen Wertegemeinschaft verabschiedet. Der koordinierte Austritt aus 66 Organisationen, die gewaltsame Aneignung von Ressourcen in Venezuela und die Erpressung europäischer Partner zeigen ein klares Muster: „America First“ bedeutet „America Alone“.
Europa muss jetzt handeln. Eine Neugründung der Sicherheitsarchitektur, eine massive Stärkung der eigenen Verteidigungsfähigkeit und eine unabhängige Ressourcenstrategie sind alternativlos. Wir können es uns nicht länger leisten, Geiseln einer Politik zu sein, die das Völkerrecht mit Füßen tritt.
